Psychologiegeschichte in der Vermittlung zwischen zwei Kulturkreisen

Der Psychologiehistoriker Wolfgang G. Bringmann

Schaufenster zum Forschungsarchiv Nr. 50

Die Verständigung zwischen europäischer und amerikanischer Psychologiegeschichte ist nicht nur durch sprachliche Barrieren erschwert worden. Stärker haben vermutlich Faktoren gewirkt, die in der fachlichen Sozialisation gelegen haben. Lehrbücher der Psychologie hüben wie drüben enthielten und enthalten Aussagen, die sich bei näherer Betrachtung als ungenau oder gar als falsch erweisen, wenn man sie mit der historischen Wirklichkeit vergleicht. Ursache hierfür können auch stereotype Vorstellungen sein. Prominentes Beispiel für eine Fehleinschätzung ist die Beschreibung der theoretischen Orientierung von Wilhelm Wundt durch den US-amerikanischen Lehrbuchautor Edwin G. Boring (1886-1968) (Benetka, 2002, S. 61ff.). Zur psychologiegeschichtlichen Arbeit gehört daher die kritische Auseinandersetzung mit Darstellungen, die zu revidieren sind.
Ein Psychologiehistoriker, der Jahrzehnte darauf verwendet hat, Fehleinschätzungen zu ermitteln und zu korrigieren, war Wolfgang G. Bringmann (1933-2009). An ihn und seine Arbeiten soll hier erinnert werden. Wolfgang Georg Bringmann wurde in Darmstadt geboren. Er studierte an der erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt, war kurze Zeit als Lehrer tätig, emigrierte dann in die USA und studierte Psychologie an der University of Alabama in Tuscaloosa, wo er 1964 zum Ph.D. in Klinischer Psychologie promovierte. Bringmann nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Er lehrte 38 Jahre lang Klinische Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und Geschichte der Psychologie an verschiedenen Hochschulen in den USA und Kanada, zuletzt an der University of South Alabama in Mobile. 1991/92 folgte er einer Einladung als Gastprofessor an die FernUniversität.
Durch seine Verbindung zu zwei Kulturkreisen und durch sein kultur- und wissenschaftsgeschichtliches Interesse hat Bringmann mehr als 30 Jahre lang alte Quellen zur Psychologiegeschichte gelesen, Archive besucht, Kontakt mit Familien bedeutender Psychologen aufgenommen, alte und neue Texte übersetzt, auf Kongressen referiert, psychologiegeschichtliche Ausstellungen und Filme mitgestaltet und dabei mit Co-Autorinnen und Co-Autoren in verschiedenen Ländern zusammengearbeitet. Bringmann hat über 200 Aufsätze und acht Bücher veröffentlicht. Ganz überwiegend waren seine Publikationen der Psychologiegeschichte gewidmet. Bringmanns Interesse galt vor allem der Entwicklung der Experimentalpsychologie im 19. Jahrhundert. So recherchierte und veröffentlichte er zu Gustav Theodor Fechner, Wilhelm Wundt, Hermann Ebbinghaus, Hugo Münsterberg, Kurt Koffka und anderen. Von seinen Büchern sind vor allem die „Wundt Studies“ (1980) und die „Pictorial History of Psychology“ (1997) verbreitet. Während andere Autoren sich der Ideengeschichte der Psychologie widmeten, hatte Bringmann besonderes Interesse an den Biographien der Psychologinnen und Psychologen. War zum Beispiel in den USA die Meinung verbreitet, der junge Wilhelm Wundt sei weltfremd gewesen und als Kind ohne Spielkameraden aufgewachsen, so konnte Bringmann zeigen, dass dieses Bild eher dem Stereotyp eines sonderbaren deutschen Gelehrten entsprach (Bringmann, Early & Bringmann, 1984). Da er lange Zeit Einzelunterricht bekam, hatte der junge Wundt allerdings anfangs Schwierigkeiten, sich in den Unterricht in einer Schulklasse einzufügen. Das ist seinen Lebenserinnerungen „Erlebtes und Erkanntes“ (1920, S. 39ff.) zu entnehmen.

Foto: Fernuniversität in Hagen
Frau Selma Münsterberg, eine der Töchter (Margarete oder Ella) und der 28. Präsident der Vereinigten Staaten, Theodor Roosevelt (1858-1919, Amtszeit 1901-1908) auf der Veranda des Sommerhauses der Familie Münsterberg. Das Bild lässt erkennen, dass Hugo Münsterberg persönlichen Kontakt zu höchsten Kreisen der USA hatte. FernUniversität, PGFA, Bestand W. Bringmann, Sammlung Hugo Münsterberg.

1989 schenkte Wolfgang Bringmann seine umfangreiche Sammlung von Dokumenten und Kopien dem Verfasser dieses „Schaufenster“-Textes, darunter den Bestand zu Hugo Münsterberg, den bedeutenden Wegbereiter der Angewandten Psychologie. Bringmann fügte zur Schenkung seinen persönlichen wissenschaftlichen Nachlass hinzu. Dieser enthielt u.a. Urkunden, Auszeichnungen und sogar seinen Professorentalar. Die Schenkung Bringmann bildete einen Grundstock für die Gründung des Psychologiegeschichtlichen Forschungsarchivs (PGFA) als Wissenschaftliche Einrichtung der FernUniversität.

Benetka, G. (2002). Denkstile der Psychologie. Das 19. Jahrhundert. Wien: WUV Universitätsverlag

Boring, E. G. (1950). A History of Experimental Psychology. New York: Appleton-Century-Crofts.

Bringmann, W. G. & Tweney, E. D. (Eds.) (1980). Wundt Studies: A Centennial Collection. Toronto: C. J. Hogrefe Inc.

Bringmann, W. G., Early, C. & Bringmann, N. J. (1984). Wilhelm Wundt´s highschool years: a reassessment. Revista de historia de la psicología, 5(1-2), 69-84. ISSN 0211-0040.

Bringmann, W. G., Lück, H. E., Miller, R. & Early, C. E. (Eds.) (1997). A Pictorial History of Psychology. Chicago: Quintessence.

Wundt, W. (1920). Erlebtes und Erkanntes. Stuttgart: Kröner

H.E.L.

Patrick Rostane | 10.05.2024