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Aktuelles - November 2006

Bildung - Migration - Gewalt: (Fast) jeder kann zum Täter werden

Prof. Georg Hansen sieht Bildung per Internet als Mittel gegen Gewalt

Zum dritten Mal war die Westfalenpost mit ihrer Reihe „Leser-Uni“ zu Gast in der FernUniversität: Fast 100 interessierte Bürgerinnen und Bürger kamen am 16. November in den Senatssaal zu der Vorlesung von Prof. Dr. Georg Hansen unter dem Titel „Bildung – Gewalt – Migration: (Fast) jeder kann zum Täter werden.“ Ursache sei vor allem die eigene Einschätzung seiner sozialen Situation und Zukunftsaussichten. Und ob man durch Bildung andere Möglichkeiten sieht als gewalttätige. Nach der Vorlesung entspann sich eine einstündige angeregte Diskussion – viele nahmen neue Einsichten und Anregungen für andere Sichtweisen aus der FernUni mit.

„Da ist viel ‚Zündstoff’ drin!“ meint der Leiter des Lehrgebietes Interkulturelle Erziehungswissenschaft zu den Ergebnissen seiner Arbeiten über die Zusammenhänge zwischen Gewaltbereitschaft und Migrationshintergründen sowie zu „Bildung über das Internet“ als interessantem Lösungsansatz. Er sieht sich als durchaus „unbequemen Analysten“, der sich um den „Mainstream“ nicht kümmert: „Vieles ist nicht so, wie es diskutiert wird.“

Auch nicht, dass Migranten besonders kriminell und gewaltbereit sind: Ein falsches Bild, das oft durch verkürzte Berichterstattungen in den Medien und sogar in offiziellen Statistiken verursach werde: „Da wird nicht unterschieden zwischen Migranten und Mafiosi.“ So sieht Georg Hansen weniger einen Zusammenhang zwischen Gewaltbereitschaft und Migrationshintergründen als vielmehr zur steigenden Perspektivlosigkeit immer größerer Bevölkerungsschichten.

Dabei gehe es auch nicht nur um unzweifelhaft prekäre Lagen, ein viel stärkerer Motor sei die Angst vor einer hoffnungslosen Situation: „Nicht die Armen haben Anfang der 1930-iger Jahre die Nazis gewählt, sondern Kleinbürger, Handwerker, unterer Mittelstand und andere, die befürchteten, Modernisierungsopfer zu werden.“ Nicht nur Migranten, auch viele andere könnten gewaltbereit werden, wenn sie sich sozial in die Enge gedrängt und hoffnungslos fühlen. Wohlgemerkt: Es geht nicht um die objektive Lage des Einzelnen, sondern darum, wie er sie selbst einschätzt.

Mit verursacht werde das Problem durch den Shareholder Value. An einem großen Teil der Gesellschaft gehe er vorbei. Vom Staat seien die heutigen Kapitalflüsse nicht mehr kontrollierbar, die auf die Bedürfnisse der Beschäftigten kaum noch Rücksicht nähmen. Und auf deren Leistungsbereitschaft auch nicht: „Solange Menschen an ihre Chancen glauben, geben sie sich auch Mühe, die Anforderungen zu erfüllen.“ Werden aber selbst florierende Betriebsteile in Billiglohnländer verlagert, verlören sie den Glauben. Das könne zu einem gefährlichen Potential werden, das „eine Gesellschaft sprengen kann“. Denn immer breitere Beschäftigtenschichten sähen sich dieser Gefahr ausgesetzt.

Besonders fürchten laut Hansen Jugendliche, als Hauptschüler, Schlechtqualifizierte oder Gehandicapte nur geringe oder gar keine Chancen auf eine gute Ausbildung und einen befriedigenden Beruf zu haben. Hier müsse verstärkt Sozialarbeit geleistet werden. „Doch die soziale Arbeit wird immer weiter zurückgefahren.“

Um – wie in Frankreich geschehen – eine Aufschaukelung der Gewalt hoffnungsloser Jugendlicher auf der einen und der Staatsmacht auf der anderen Seite zu verhindern, müsse man wieder Hoffnung geben: „Perspektiven oder Protest – das sind doch die Alternativen!“ Und dabei erinnert er an die 1950-iger Jahre mit dem jugendlichen Aufbegehren von Rockern und Halbstarken: „Migranten waren das nicht… Heute wird jugendlicher Protest zum Migrantenproblem gemacht.“

Doch es gibt auch Jugendliche, die ihre Perspektivlosigkeit Migranten ankreiden: „Mit so einem Feindbild wächst man schnell in die ‚rechte Ecke’ hinein, aus der die alten Rechten nicht mehr herauskommen. Das wird die gesamte Gesellschaft in eine gefährliche Lage bringen.“ Besonders oft genannt werden im Zusammenhang mit der Gewalt gegen Migranten die ostdeutschen Länder – „Dabei gibt es in der Uckermark kaum Migranten…“

In Westdeutschland erkennt Hansen noch eine weitere Gefahr: Junge Türken, einigermaßen Deutsch sprechend, doch ohne deutschen Pass von Ausweisung bedroht, stehen jungen Spätaussiedlern gegenüber, die gar nicht aus ihrer Heimat weg wollten, die kaum Deutsch können, aber einen Pass haben. Beide Gruppen konkurrieren um einfache Ausbildungs- und Arbeitsplätze. „Wie lange halten sich die Auseinandersetzungen noch im Rahmen?“ fragt er.

Gemeinsam müssten Politiker, Wirtschaftsvertreter und viele andere das Gefühl der Hoffnungslosigkeit konterkarieren und die individuellen Chancen verbessern. Durch Bildung. Doch Deutschland sei gerade bei der Bildung besonders schlecht aufgestellt. Gleichzeitig sei es aufgrund der hohen ‚sozialen Selektion“ enorm schwierig, von einem Bildungsweg auf einen besseren zu wechseln.

Eine bessere Bildung vermindere aber nur die Gefahr, in eine vermeintlich hoffnungslose Situation zu geraten. Und durch sie habe man andere Möglichkeiten, sich zur Wehr zu setzen. Doch sei sie kein Mittel an sich, um Gewaltbereitschaft zu verhindern.

Hansen erkennt hier nur wenige Einflussmöglichkeiten, aber „man kann sie durchaus nutzen“. Besonders setzt er auf Bildung per Internet: „Viele Jugendliche sind doch im Netz.“ Jedoch müssten noch viele Schranken beseitigt werden, mangelndes Sprachvermögen oder fehlende Finanzen etwa. Und man müsse erst einmal wissen: „Was machen die eigentlich an ihrem PC? Irgendetwas Bildungsrelevantes, was ihnen in Schule und Ausbildung hilft? Oder konsumieren sie nur?“

Georg Hansen: „Es kommt noch viel Arbeit auf ganz viele zu. Aber sie lohnt sich.“

Fast 100 Interessierte kamen in die FernUniversität
Gerd Dapprich | 21.11.2006
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