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Aktuelles - März 2007

Die Bedeutung lebensgeschichtlicher Interviews

Dr. Alexander von Plato in den Ruhestand verabschiedet

In etlichen Jahren der Lüdenscheider Gespräche haben hochkarätige Zeitzeugen über spannende Themen gesprochen. Nun war PD Dr. Alexander von Plato selbst an der Reihe: Sein Vortrag markierte eine Zäsur. Am letzten Wochenende feierte der Leiter des Instituts für Geschichte und Biographie seinen 65. Geburtstag. Er geht in den Ruhestand; sein Nachfolger in dem renommierten Institut wird PD Dr. Arthur Schlegelmilch.

Von Plato hat das Institut 1993 als In-Institut der FernUniversität gegründet und mit seinem erfahrungsgeschichtlichen Forschungsansatz geprägt. Das Institut ist heute ein besonderer Ort für die lebensgeschichtliche Forschung in Deutschland; es hat sich zu einem höchst anerkannten Zentrum entwickelt. Das jüngste Forschungsprojekt war zugleich das bisher größte: 34 Kooperationspartner in 27 Ländern führten im Auftrag der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ fast 600 Interviews mit ehemaligen Sklaven- und Zwangsarbeitern des Nationalsozialismus.

Mit dem Lüdenscheider Gespräch in der vergangenen Woche verabschiedete sich von Plato von Lüdenscheid und dem Institut. Er sprach über die Ergebnisse einer Befragung von Zeitzeugen, die die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 erlebt hatten. Der Historiker relativierte die grausame und tragische Geschichte Dresdens nicht. Indes wagte er einige Thesen, woher der „etwas besondere Opferstatus“ kommt, der das Bild der Stadt bis heute prägt: „Dresden ist in allen politischen Systemen zum Symbol geworden. Die Bombardierung wurde von den Nazis, aber auch in der DDR als ‚terroristischer Angriff auf die Zivilbevölkerung’, als ‚sinnlose Zerstörung der kulturellen Hauptstadt Deutschlands’ gesehen“, erklärte von Plato.

Damit wurden Stärken, aber auch Schwächen der Forschungsmethode deutlich: Nur die Erfahrungsgeschichte kann erklären, warum gerade die Zerstörung Dresdens sich so viel stärker ins kollektive Gedächtnis einbrannte als das Ende der historischen Großstädte Essen, Hamburg, Köln und vieler weiterer. Immer seien Interviews jedoch mit anderen Quellen abzugleichen, betonte von Plato: Nach Jahrzehnten überlagern sich Bilder und Erinnerungen, vor allem an traumatische Situationen.

Mit seinen Thesen hat der Historiker sich oft auf politisch glattes Terrain begeben, ist angegriffen oder vereinnahmt worden. Plumpen Vereinfachungen oder allzu plakativen Erklärungen möchte er jedoch nicht den Boden bereiten. Auch angesichts zehntausender Bombenopfer in Dresden argumentierte von Plato sachlich, differenziert und mit Zwischentönen – aber engagiert an Erkenntnissen und Zusammenhängen interessiert.

Regelmäßig hat der Historiker auch die Bedeutung der Arbeit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter herausgestellt. Zu seinem Geburtstag und Abschied hatten diese dann ein großes Fest organisiert: Gerührt und überrascht begrüßte von Plato am Wochenende über 120 Gäste. Kollegen aus der Oral History waren zum Teil aus der ganzen Welt angereist, Familie und Freunde waren gekommen. Festredner, Kollegen und Publikum diskutierten zunächst Texte aus einer Festschrift zu seinem Abschied, die Dr. Almut Leh und Prof. Dr. Lutz Niethammer zusammengestellt hatten. „Diese Festschrift vereint alle Größen der Oral History“, stellt Leh fest: „Jeder hat einen wissenschaftlichen Text beigetragen.“ Am Abend gaben Eva-Maria Hagen und Pianist Siegfried Gerlich ein sehr persönliches Konzert für den Historiker, seine Familie und die Festgesellschaft. „Das war ein Höhepunkt für uns alle, auch für mich“, erzählt der Geehrte, der mit seinen Gästen bis in den frühen Morgen feierte.

Für die Arbeit des weitgehend drittmittelfinanzierten Forschungsinstituts bedeutet der Abschied seines Leiters eine klare Zäsur. Denn auch wenn die Nachfolge gesichert ist: Große, ausfinanzierte Projekte laufen aus. Von Plato setzt sich allerdings keineswegs zur Ruhe: Schon zum 1. März tritt er eine halbjährige Gastprofessur an der Universität Wien an; am kommenden Dienstag wird dort seine erste Veranstaltung stattfinden.

Abschied von Plato Der Institutsleiter im Gespräch mit seinem Nachfolger: Alexander von Plato (rechts) und Arthur Schlegelmilch.
Anemone Schlich | 01.03.2007
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