Ein kleines Jubiläum feierte die Reihe friedenswissenschaftlicher Seminare mit dem Titel „Ethik der internationalen Beziehungen“ der Universitäten in Hagen, Münster und Siegen und der Landesarbeitsgemeinschaft Friedenswissenschaft NRW: Die zehnte Veranstaltung vom 22. bis 24. Juni drehte sich in der Münsterschen Akademie Franz Hitze-Haus um die Frage: Gibt es „Abschreckung nach der Abschreckung?“ Gekommen waren als Referenten renommierte Wissenschaftler.
Die Hoffnungen auf eine völlige Abrüstung der nuklearen Arsenale nach dem Ende des Ost-West-Konflikts haben sich als trügerisch erwiesen. Es gab in den letzten Jahren kaum eine internationale Krise – Irak, Israel/Palästina, Nordkorea, Iran – ohne bedrohliche nukleare Dimension. Zeit also für Aufklärung und für eine Bilanzierung des Status Quo inklusive der realistischen Entwicklungslinien, meinten die Organisatoren des Seminars. Und Zeit, nach konstruktiven Alternativen zu suchen. Wie bei jedem der Seminare wurde die Problematik aus den aufeinander bezogenen Sichtweisen unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen aufgearbeitet: der Politikwissenschaft und des Völkerrechts, der Philosophie und Theologie, der Zeitgeschichte und – natürlich – der Friedenswissenschaft.
Foto: Klaudia Köhn
Getragen wird die Veranstaltungsreihe vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster, vom Lehrgebiet Politikwissenschaft II der FernUniversität Hagen, vom Lehrgebiet Systematische Theologie und Theologische Friedensforschung der Universität Siegen und von der Landesarbeitsgemeinschaft Friedenswissenschaft NRW. Zum „Stamm“ der Referenten gehören Prof. Dr. Georg Simonis, Prof. Dr. Hajo Schmidt und Dr. Martin List (Hagen), Prof. Dr. Dr. h.c. Reinhard Meyers (Münster) und Prof. Dr. Heinz-Günther Stobbe (Siegen). Hinzu kommen jeweils wechselnde Wissenschaftler aus der nationalen und internationalen Spitze ihres Fachs. In diesem Jahr waren hier besonders die Professoren Herbert Wulf, UN-Abrüstungsberater und zuletzt Chef des renommierten Bonn International Center for Conversion, und Dieter Senghaas, international wohl der bekannteste deutsche Friedens- und Entwicklungsforscher, zu nennen.
Herbert Wulf konnte aufgrund seiner zahlreichen internationalen Kontakte und seiner intensiven (Nach-)Forschungen spannende Details über Nordkoreas Atomwaffenprogramm einbringen – „Für unsere 50 anwesenden Studierenden war das Seminar auch deshalb eine Offenbarung“, freute sich Prof. Hajo Schmidt. Die Hälfte davon ist an der FernUniversität immatrikuliert.
Wulfs Nordkorea-Analysen waren – zusammen mit seinen Ausführungen über den Iran – nur ein Beispiel dafür, dass auch und gerade nach dem Ende des „Kalten Krieges“ die Abschreckungsstrukturen keineswegs abgebaut sind. Zwar sei die Zahl der Sprengköpfe bei den großen Atommächten reduziert worden, so Schmidt, ihre Qualität konnte aber erheblich gesteigert werden: „Großbritannien modernisiert gerade seine Trident-Raketen so, dass sie bis 2050 einsatzbereit sind – wo wird da etwas abgebaut?“
Und zahlreiche neue Atomwaffen-Zwerge drohen hinzuzukommen, weil sie sich von der versprochenen (!) Nicht-Abrüstung der Großen bedroht fühlen und daher selbst atomar abschrecken können wollen. Der Iran z. B. fürchte sich sehr vor den anderen Atommächten, von denen er sich umzingelt fühle, so Schmidt. Ähnliche Situationen sieht er überall auf der Welt: „viele kleine Kalte Kriege“. Als „organisierte Friedlosigkeit“ bezeichnete Dieter Senghaas gestern wie heute diese globale Situation. Zumal die Fronten nicht mehr so eindeutig sind wie beim Wettstreit zweier Supermächte: Indien hat nicht nur einen Konflikt mit Pakistan, sondern sieht sich auch von China und den USA bedroht. So könnte es in zehn Jahren bereits 20 Atomwaffen-Mächte und viel kompliziertere Abschreckungsstrukturen geben.
Der nukleare Nichtverbreitungsvertrag ist für Hajo Schmidt daher kaum wirkungsvoll, wenn es um den tatsächlichen Abbau von nuklearen Waffen geht. In den USA gebe es z. Zt. kaum ein Kriegsszenario ohne den möglichen Einsatz nuklearer Waffen.
Für Schmidt und viele andere Friedens-Experten kann es daher nur eine Lösung geben: eine komplette nukleare Abrüstung. Schmidt: „Viele wissen das, viele sagen es – aber erst nach dem Ende ihrer politischen Karriere.“ So auch die vier „alten Falken“ Henry Kissinger und George P. Shultz (ehemalige US-Außenminister) und die beiden ex-US-Staatssekretäre im Außenministerium Sam Nunn und William J. Perry. Sie verfassten gemeinsam Anfang des Jahres für das Wall Street Journal den Aufsehen erregenden Artikel „Am Abgrund einer militärischen Bedrohung“.
Für Schmidt bleibt eine 50-jährige Kontinuität gewahrt: Jede atomare Abschreckung enthält auch eine Selbstabschreckung, man müsste selbst Taten begehen, die die eigene Bevölkerung grausam schädigen oder gar vernichten.
Aber, so ein ehemaliger Soldat mit atomaren Aufgaben, der als Student an dem Seminar teilnahm: „Wir hätten damals die Waffen eingesetzt!“
FernUniversität in Hagen, 58084 Hagen, Telefon: +49 2331 987-01, E-Mail: fernuni@fernuni-hagen.de