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Aktuelles - August 2007

Schmetterlinge spielen amerikanisches Monopoly

Krise der Finanzmärkte: Prof. Dr. Helmut Wagner fordert globale Konzepte

Ein Schmetterling, der in Brasilien mit seinen Flügeln schlägt, kann einen Sturm in Texas verursachen… Das, was Edward N. Lorenz vom Massachusetts Institute of Technologie theoretisch auf Fehler in Klimamodellrechnungen bezog, könnte in der Wirtschaft durchaus Realität werden: Ein Segment von nur 14 Prozent des gesamten US-Immobilienmarkts könnte eine neue Weltwirtschaftskrise auslösen. „Wir stehen gerade am Scheideweg“, sagt dazu Prof. Dr. Helmut Wagner, Lehrgebiet Makroökonomik der FernUniversität in Hagen. Er war einer der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die vor zwei Jahren vor einem „Crash“ warnten. Heute fordert er eine konzertierte globale Aktion, um lokalen Gefahren vorzubeugen, die weltweite Gefahren hervorrufen können.

Nachdem die US-Zentralbank vor einigen Jahren die Märkte mit billigem Geld überschwemmt hatte, kauften selbst schlecht verdienende und vermögenslose US-Bürger Eigenheime. Banken vergaben Kredite zu niedrigen Zinsen ohne vernünftige Sicherheiten. Im Geld schwimmende Gläubiger hofften, dass sich ihre Investitionen durch steigende Immobilienpreise selbst finanzierten. Warnungen vor einer „Überhitzung“ ignorierte die Politik. Weil Hauspreise und Zinsen stiegen, können viele Käufer ihre Kredite plötzlich nicht mehr abzahlen. Wagner: „Jetzt platzt die Blase.“

Die Banken haben versucht, ihre „schlechten“ Kredite – gestückelt - an Spekulanten und Investoren zu verkaufen, die sie mit bis zu 13 Prozent Rendite köderten. „Da siegte bei vielen Anlegern die Gier über die Vernunft“, so Wagner. Hedgefonds erwarben solche riskanten Immobilien-Anleihen und brachten mit Fehlspekulationen ihre Gläubigerbanken in weitere Schieflagen. Nun macht sich Panik breit: Die Banken – auch deutsche spielten in den USA Monopoly – bleiben auf immer mehr Krediten sitzen. Bank- und andere Aktien sinken, der DAX fiel innerhalb einer Woche um 10 Prozent, der Down Jones um sechs.

Noch handelt es sich für Wagner um eine „lokale kleine Krise“. Doch plötzlich merkt man, dass es keine lokalen Grenzen mehr gibt. Inzwischen branden die ersten Wellen der Krise auch in Deutschland an. Die deutsche Staatsbank KfW musste bei der Düsseldorfer IKB-Bank einspringen, die sich in den USA verspekuliert hatte, weitere deutsche Banken sind ins Gerede gekommen. Fonds wurden geschlossen. Weltweit pumpen Zentralbanken Milliarden in die Märkte.

Für Helmut Wagner ist das zunächst einmal nur „die Korrektur einer Übertreibung.“ Wird alles gut? Dabei kommt es für Wagner „in dieser sensiblen Situation“ vor allem auf Politiker und Medien an. Von den Top-Entscheidern in Politik und Wirtschaft fordert er ein weltweit konzertiertes Vorgehen. Und eine Kommunikationspolitik, die ein Risiko-Management vermittelt. Dafür muss man sich erst auf eine Strategie einigen: Sofort handeln oder auf die Selbstheilungskräfte des Marktes setzen? „Das ist zweitrangig, Hauptsache, die ausgewählte Strategie wird als Risiko-Management sofort weltweit klar gemacht und international koordiniert umgesetzt.“ Schon das Signal, dass nicht mehr alles zugelassen wird, würde psychologisch viel bewirken.

Damit meint Wagner die Strategien von Profi-Anlegern, die ihre Risiken anderen zuschieben. Die Folgen haben letztendlich vor allem viele Kleinanleger und Kreditnehmer in aller Welt zu tragen: „Gegen Gier ist ökonomisch nichts einzuwenden, aber dagegen, dass andere die Folgen tragen müssen!“ Denn in der Folge der Krise dürften die Kreditzinsen weltweit steigen: Banken und Fonds, für die Geld teurer wird, reichen ihre Kosten an Kreditnehmer weiter, egal ob Privatleute, Staaten oder Unternehmen, deren Bürger, Kunden, Zulieferer und Arbeitnehmer belastet werden. Wagner fordert daher mehr Transparenz bei den Fonds, damit Kleinanleger besser informiert sind und das Risiko besser einschätzen können.

Am besten wären dynamische Konzepte, die nicht nur auf vergangene Probleme bezogen sind, die marktwirtschaftlichen Kräfte in vernünftige Bahnen lenken, ohne andererseits in Protektionismus zu verfallen.

Fast eine neue globale soziale Marktwirtschaft.

Gerd Dapprich | 15.08.2007
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