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Aktuelles - Oktober 2007

Der Motor der Politik: Philosophische Tagung ergründete das „Politische“

Philosophische, politik- und literaturwissenschaftliche Zugänge bei dreitägiger Veranstaltung

„Hat die Politik überhaupt noch einen Sinn?“ zitierte Dr. Thomas Bedorf bei der inhaltlichen Einführung zu der internationalen Tagung „Das Politische und die Politik“ am 20. September eine Frage, die Hannah Arendt bereits in den 1950-iger Jahren gestellt hatte. Die Politik als Praxis habe keinen guten Ruf, unterstrich der Mitarbeiter des FernUni-Lehrgebiets, „sie hatte sie damals nicht und hatte sie vielleicht noch nie.“ Dieser Ruf spielte bei der dreitägigen Veranstaltung eine große Rolle, die vom Lehrgebiet Praktische Philosophie der FernUniversität in Hagen in Zusammenarbeit mit dem Kulturwissenschaftlichen Institut NRW in Essen organisiert wurde.

Zentrale Frage war, ob es neben oder gemeinsam mit „der Politik“ auch „das Politische“ gibt – ein Thema, „mit dem wir auf einer ganz heißen Spur sind“, war Prof. Dr. Kurt Röttgers überzeugt. Bestätigt wurde er darin durch die große Zahl von Teilnehmenden: 40 Zuhörerinnen und Zuhörer verfolgten gespannt die theoretischen Beiträge der 14 Vortragenden aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien und den USA. Viele hatten weite Wege auf sich genommen. Die Tagung versammelte nicht nur philosophische, sondern auch politik- und literaturwissenschaftliche Zugänge, die zeigten, dass die Politik durch das Politische in Alltagsprozeduren wie Parteipolitik, Ausschussarbeit, Einfluss der Lobby-Gruppen u.a. herausgefordert wird.

Wenn die zentrale Frage nach der Existenz des Politischen innerhalb der Politik mit einem „Ja“ beantwortet würde, dann wäre dieses Poltische genau das, was die Politik tatsächlich vorantreiben würde: Es wäre mehr als das bloße Verwaltung des Bestehenden, mehr als Abwickeln und ließe sich nicht auf die Arbeit der Institutionen reduzieren. Was aber ließe sich in diesem Sinne als „politisch“ identifizieren? Welcher Strategie folgt diese Unterscheidung? Wo liegen die Orte des Politischen? Wer trifft diese Unterscheidung?

Bei der Behandlung dieser Fragen spielte auch der schlechte Ruf der Politik eine Rolle: „Von Platons Sophistenschelte bis zum vagen Schlagwort der Politikverdrossenheit reichen die Gesten der Geringschätzung“, so Bedorf. In der deutschen Geistestradition habe man der Politik die Kultur gegenübergestellt. Wichtig sei es unter diesen Umständen, auf der richtigen, d.h. auf der kulturell-geistigen Seite zu stehen, um sich nicht durch das „Mitmischen“ in der politischen Ebene von den Höhen der Kultur allzu weit zu entfernen. Diese unglückliche Trennung drohe sich zu wiederholen, wenn man zwischen dem „wirklich“ Politischen und der „bloßen“ Politik unterscheidet.

"Die Politik als Praxis hat keinen guten Ruf", unterstrich Dr. Thomas Bedorf

Charakteristisch für das Politische ist demnach vor allem seine Kontingenz, sein hohes Maß an Unwägbarkeiten. Das bedeutet zweierlei: Zum einen lässt sich eine Entscheidung, die in politischen Prozessen getroffen werden muss, nie mit absoluter Sicherheit begründen. Jede Entscheidung hängt notwendig „in der Luft“ und von der Weise ab, wie wir die Welt insgesamt sehen. Zum anderen bedeutet dies aber auch, dass jede politische Entwicklung auf den Prüfstand gehört. Sachzwänge, die sich vorgeblich aus der Globalisierung oder den engen Grenzen der öffentlichen Haushalte ergeben, verdanken sich selbst politischen Entscheidungen, für die wir verantwortlich sind. So erweitert der Begriff des Politischen den Handlungsspielraum der Politik.

Die Einsicht in die Kontingenz des Politischen wurde auf der Tagung weithin geteilt und so dem Verlust des Politischen als gemeinsamem Handlungsraum, der von Hannah Arendt beklagt wurde, eine Wiedergewinnung des Politischen als Ereignis gegenübergestellt, die sich in vielen Umbruchsereignissen unserer Zeit zeigt.

Weitergeführt werden soll die begonnene Diskussion durch die Publikation des gleichnamigen Sammelbandes im Jahre 2008 sowie durch die Vertiefung der aufgeworfenen Einzelfragen, die sich insbesondere mit Vertretern der liberalen politischen Philosophie ergeben haben, in künftigen Forschungsnetzwerken.

Gerd Dapprich | 10.10.2007
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