Eine umfangreiche Retrospektive über Leben, Werk und Wirkung von Heinrich Böll präsentiert die Bibliothek der FernUniversität in Hagen anlässlich des 90. Geburtstages des Nobelpreisträgers am 21. Dezember. Erarbeitet wurde die Ausstellung „Heinrich Böll – Leben und Werk“ von Viktor Böll, Heinrich-Böll-Archiv der StadtBibliothek Köln, und Markus Schäfer, Heinrich Böll-Stiftung.
Bis zum 15. November bietet sie anhand von Fotos, Zeichnungen, Urkunden und anderen Materialien eine ausführliche Dokumentation zu Heinrich Bölls Biographie und seinem schriftstellerischen Schaffen. Die Präsentation reicht von der Jugend über die Kriegszeit und schriftstellerischen Erfolge bis hin zu den heftigen politischen Auseinandersetzungen in seinen letzten Lebensjahren. Sie umfasst 40 Plakate und wird ergänzt durch Originalexponate, die zu verschiedenen Themenschwerpunkten in Vitrinen gezeigt werden – etwa zu Bölls Gedichten, den Romanverfilmungen und dem Nobelpreis. Initiiert wurde die Ausstellung in den 1990-iger Jahren durch viele Anfragen aus aller Welt. Da die Original-Exponate durch die vielen Ausstellungen litten, wurden 1995 erstklassige Reproduktionen angefertigt, die bereits in über 40 Ländern in aller Welt zu sehen waren. Zu sehen sind sie montags bis donnerstags von 9 bis 19 Uhr, freitags 9 bis 16 Uhr und samstags von 9 bis 13 Uhr.
Lesung zur Eröffnung: „Gruppenbild mit Dame“
Eröffnet wurde die Ausstellung am 8. Oktober von Regina Zdebel, Kanzlerin der FernUniversität, und Hagens Oberbürgermeister Peter Demnitz. Beide freuten sich sehr, dass Viktor Böll, Neffe des Literaturnobelpreis-Trägers, in die Ausstellung einführte. Im Anschluss daran lasen Kriszti Kiss, Stefan Keim und Peter Schütze aus Heinrich Bölls Roman „Gruppenbild mit Dame“.
Regina Zdebel ging zunächst auf die Rede ein, die der Literat am 21. September 1979 zur Eröffnung der neuen Zentralbibliothek Köln unter dem Titel „Lesende Staatsbürger sind nicht die gehorsamsten“ gehalten hatte. „Die“, so Böll, „große, stattliche und glänzende neue Zentralbibliothek“ stellte für ihn eine deutliche Abkehr von den „Informationsstätten für Privilegierte“ dar, die fürstliche, geistliche und auch wissenschaftliche Bibliotheken traditionell waren. Für ihn mussten Bibliotheken „Freistätten, Freiheitsräume“ sein, niemand dürfe sich außer dem Bibliothekar dafür interessier, „wer da was liest.
Kanzlerin Regina Zdebel
Eine Forderung, die die in den 70-er Jahren in Nordrhein-Westfalen entstandenen Bibliotheken der neuen Universitäten – unter ihnen die Universitätsbibliothek Hagen – erfüllten. Sie schlugen ähnliche Wege ein wie die öffentlichen Bibliotheken des Landes, so Regina Zdebel. So öffnet die Universitätsbibliothek Hagen ihre Bestände auch für alle Bewohner und Institutionen der Stadt und der Region, sie bietet Schulungen zur Förderung der Informationskompetenz an, sie veranstaltet Lesungen und Ausstellungen: „Die Universitätsbibliothek versteht sich als Kulturzentrum, als Ort des gesellschaftlichen Dialogs.“ In diesem Zusammenhang kam die Kanzlerin auf die „kritischen Stellungnahmen des Bürgers und Intellektuellen Heinrich Böll, die ihm Zustimmung wie auch erbitterte Kritik eintrugen“, zu sprechen.
Oberbürgermeister Peter Demnitz
Thematisch hakte der Oberbürgermeister hier ein: Heinrich Bölls Werke gehören zur Weltliteratur, seine Texte seien genaue und sensible Darstellungen unserer Gegenwart. Zugleich habe Heinrich Böll wie wenige seiner Zeitgenossen Zivilcourage, geistige Unabhängigkeit und Solidarität mit den Schwachen verkörpert. Damit habe er der Welt nach den Verwüstungen des Nationalsozialismus in kaum zu überschätzender Weise das Bild eines anderen, besseren Deutschlands vermittelt. Dabei spielte die Stadt Köln oft eine wichtige Rolle: „Man hat oft den Namen Heinrich Bölls mit Köln verbunden...“ Ein Missverständnis wäre es aber anzunehmen, Böll habe Köln realistisch abgebildet, man könne mit seinen Romanen und Erzählungen auf Spurensuche gehen, so Demnitz: Heimat und Heimatliebe betrachtete Heinrich Böll zwiespältig. Sein kritischer Blick richtete sich vor allem auf seine Heimatstadt Köln, der er eine unbegründete Überheblichkeit vorhielt und einen ausgrenzenden Dialekt.
Viktor Böll
Jedes Plakat erzählt eine Geschichte
Diese Gedanken griff Viktor Böll auf, bevor er das Publikum in die Ausstellung einführte – wobei er sich auf Teile beschränken musste, weil sonst seine Ausführungen Tage dauern würden: „Jedes Plakat erzählt eine Geschichte.“ Etwa das mit dem Thema „Irisches Tagebuch“: Es dokumentiert Heinrich Bölls erste Veröffentlichung, mit dem er sich 1947 auf dem literarischen Markt etablierte. Dieser war bereits von Künstlern besetzt, die während der NS-Zeit in der Emigration waren – die einen in der „inneren“, die anderen in der „äußeren“.
Wichtig war es Viktor Böll, dass Heinrich Böll nach wie vor aktuell ist: Das ZEIT-Magazin widmete ihm im August 2007 den Titel und frage: „Wo ist Heinrich Böll?“ Auch wenn nach seiner Meinung oft die falschen Leute befragt wurden, habe der Artikel doch bewirkt, dass sich viele Menschen für den Schriftsteller interessieren.
„Bekenntnis eines Hundefängers“ zum Schluss
Am 15. November endet die Ausstellung um 19 Uhr, wie sie begonnen hat: In einer Lesung „Bekenntnis eines Hundefängers“ tragen Kriszti Kiss, Stefan Keim und Peter Schütze satirische Texte Heinrich Bölls vor. Humor, Satire, Ironie und Groteske spielen im gesamten Schaffen des Schriftstellers ja eine große Rolle. In seinen Essays und Kritiken nutzt er Satire und Ironie, um gesellschaftliche Fehlentwicklungen aufzudecken.
Gruppenbild mit Dame: Aus dem Roman lasen zur Ausstellungseröffnung Stefan Keim, Kriszti Kiss und Peter Schütze
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