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Aktuelles - Dezember 2007

Mit vielen Geschichten Geschichte erzählen

„Lüdenscheider Gespräch“ mit Prof. Dr. Dr. h.c. Dimitris Tsatsos

„Sie haben Lebensbiografie und Geschichte in großartiger Weise miteinander verbunden“, bedankte sich apl. Prof. Dr. Arthur Schlegelmilch, Leiter des Instituts für Geschichte und Biographie der FernUniversität in Hagen, bei Prof. Dr. jur. Dr. h.c. Dimitris Tsatsos. Der Emeritus der FernUniversität gab am 12. Dezember im „Haus der FernUniversität“ in Lüdenscheid unter dem Motto „Erinnerungen an Erlebnisse und Begegnungen“ interessante Einblicke in sein Leben. Er wusste stets sein großes Publikum mit seiner charmanten und humorvollen Erzählweise zu fesseln. Dr. Peter Brandt, Professor für Neuere Deutsche und Europäische Geschichte an der FernUniversität, moderierte den Abend.


„Geschichte kann ich nicht erzählen, wohl aber Geschichten“, schickte Prof. Tsatsos schmunzelnd seinem Vortrag vorweg. Die erste stammte aus seiner Kindheit, die er, 1933 in Athen geboren, in Griechenland verbrachte. Der Bezug zu Deutschland war von Anfang an sehr stark. Sein Vater hatte in Heidelberg studiert und brachte ihm die deutsche Kultur und Sprache nahe. Dazu gehörten die Märchen der Brüder Grimm genauso wie eine preußische Erzieherin. „Ich war ein schwieriges Kind, deshalb entschied mein Vater: ,Wir brauchen eine Preußin.’“, berichtet der Jura-Professor. Lieselotte Stolzenberg aus Berlin brachte nicht nur den Jungen zur Räson, sondern auch das ganze Haus in Ordnung.

Den Einmarsch nationalsozialistischer Truppen in Athen 1940 erlebte er als große Enttäuschung. Sein tiefes Verhältnis zu Deutschland wurde dadurch jedoch nicht erschüttert: „Das Hakenkreuz habe ich nie mit Deutschland identifiziert“, betonte Tsatsos. Er studierte in Heidelberg und Athen Jura.

1959 hat er durch seinen Vater die Verfassungsfrage auf Zypern miterlebt. Sein Vater war Chef der griechischen Delegation, die an der Ausarbeitung einer Verfassung für Zypern beteiligt war. Auf Zypern lernte Dimitris Tsatsos auch seine spätere Frau Annie kennen. Sie war im Widerstand gegen die Briten aktiv, welche die türkische Seite im Streit um die Insel unterstützten. „Durch sie bekam ich einen ersten Einblick in die Widerstandsszene“, erzählte er.

Prof. Brandt (rechts) moderierte den Abend. Prof. Brandt (rechts) moderierte den Abend.

Auf dem Gebiet der Verfassungswissenschaften entwickelte Tsatsos sich zum Experten. Von 1974 bis 1977 war er Mitglied im ersten griechischen Parlament nach der Militärdiktatur und arbeitete an der Verfassung mit. Später beriet er den Ministerpräsidenten Papandreou in Verfassungsfragen. Von 1994 bis 2004 war Dimitris Tsatsos Abgeordneter des Europäischen Parlaments sowie Mitglied des europäischen Verfassungskonvents.

Seit 1969 hatte er mehrere rechtswissenschaftliche Lehrstühle in Griechenland und Deutschland inne. 1980 wurde er Inhaber des Lehrstuhls für Verfassungsrecht in Athen und lehrte gleichzeitig an der FernUniversität. Seit 2002 ist Prof. Tsatsos Mitglied des Vorstands des Instituts für Europäische Verfassungswissenschaften der FernUniversität.

Auch auf dem Gebiet des Widerstandes blieb er aktiv: er engagierte sich – zunächst von Deutschland aus – in den frühen 1970er Jahren gegen die griechische Militärjunta, die Griechenland ihrer Diktatur unterworfen hatte. 1973 reiste er selbst nach Athen, um Studierende bei einer Protestaktion zu unterstützen. Zehn Tage nach seiner Einreise wurde Tsatsos verhaftet und 182 Tage im Folterlager fest gehalten. Für seine Befreiung setzten sich in Deutschland u. a. auch seine Kollegen Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Günter Bemmann und Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Eisenhardt ein. Wie Prof. Tsatsos lehrten sie zu dieser Zeit an der Universität Bonn und sind heute Emeriti der FernUniversität. Für ihren großen Einsatz ist ihnen Prof. Tsatsos immer noch sehr dankbar: „Den Deutschen habe ich zu verdanken, dass ich heute kein Krüppel bin.“

Gesche Quent | 17.12.2007
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