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Aktuelles - März 2008

Integration nur Aufgabe der Migranten?

Dr. Alexandra Babioch untersuchte Verständnis von Integration im Alltag

„Man sollte in der Migrationsforschung viel stärker von den Gemeinsamkeiten der verschiedenen Bevölkerungsgruppen ausgehen und auf ihrer Basis über Integration sprechen“, findet Dr. Alexandra Babioch. Die Psychologin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lehrgebiet „Sozialpsychologie“ von Prof. Dr. Stefan Stürmer in der Fakultät für Kulturwissenschaften an der FernUniversität in Hagen. In ihrer Dissertation untersucht sie das Alltagsverständnis von Integration. Ihre Vorgehensweise stellt dabei einen neuen wissenschaftlichen Zugang zum Thema dar. Betreut wurde die Arbeit von apl. Prof. Dr. Dr. h.c. Rudolf Miller.
Dr. Alexandra Babioch

Gemeinsamkeiten statt Unterschiede

Im Rahmen einer empirischen Studie untersuchte Alexandra Babioch drei Bevölkerungsgruppen, so genannte „soziale Kategorien“: Einheimische Deutsche, Aussiedler aus Schlesien, die seit mindestens zehn Jahren in Deutschland leben, sowie Schlesier in Polen mit deutscher Herkunft.

„Ich stamme selbst aus Schlesien und bin mit 19 Jahren nach Deutschland ausgewandert“, erklärt sie die Wahl ihrer Kategorien.

Anhand eines Fragebogens erhob sie zunächst gezielt die konkreten Wertvorstellungen. So wollte sie z. B. wissen, wie wichtig für die Befragten die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Traditionspflege oder Familie ist. Auch die empfundene soziale Identität interessierte sie. Babioch stellte daher die Frage, wie stark sich die Befragten mit den sozialen Kategorien identifizieren, wobei Mehrfachidentifikationen, z.B. als Deutsche und als Pole oder umgekehrt eine Ablehnung solch gruppenbezogener Identifikationen, möglich waren.

Sie wertete über 300 Datensätze aus und teilte auf dieser Basis die Befragten mit Hilfe eines statistischen Verfahrens zur Entdeckung homogener Gruppen in vier neue Gruppen ein: „Integrierer“, „Segregierer“, „Assimilierer“ und „Individualisierer“. Diese bildeten die Grundlage für die Untersuchung des Alltagsverständnisses von Integration. „Diejenigen, die sich in ihren Wertvorstellungen und ihrer empfundenen sozialen Identität ähnelten, habe ich derselben Gruppe zugeordnet.

Neu daran ist, dass die Gemeinsamkeiten und nicht die Unterschiede von Angehörigen unterschiedlicher sozialer Kategorien die Grundlage für die weitere Befragung bildeten. In wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema „Integration“ werden oft die Vorstellungen „der Aussiedler“ oder „der Deutschen“ untersucht. Dieses Schubladendenken will Alexandra Babioch überwinden:„Wir brauchen neue Zugänge in der Integrationsforschung, um der veränderten Realität mehrfacher Identifikationen und vielschichtiger Wertvorstellungen Rechnung zu tragen. Migranten verstehen sich nicht pauschal als „die Aussiedler“ oder ausschließlich als Polen. Die alten Kategorien sind zu oft mit Vorurteilen belastet.“

Komplexes Verständnis von Integration

Um die jeweiligen Vorstellungen über Integration zu erheben, befragte die Wissenschaftlerin sechs Personen aus jeder der vier Gruppen zu ihrem Verständnis von Integration. „Es gibt nicht „das“ Verständnis von Integration, sondern mindestens vier verschiedene Versionen“, hat Babioch festgestellt. Ihnen liegen jeweils verschieden empfundene Identitäten und Wertvorstellungen zugrunde.

Für die „Assimilierer“ bedeutet Integration, sich an die Kultur des Einwanderungslandes anzupassen und dazu zu gehören. Die „Integrierer“ verstehen unter dem Begriff, neben allen Unterschieden auch Gemeinsamkeiten zu betonen. Sie wollen keine stereotypen Vorstellungen über den Anderen aufbauen. „Individualisierer“ verfolgen ihren eigenen Weg und machen sich von Verpflichtungen und Loyalitäten ihren Landsleuten gegenüber frei. Für die „Segregierer“ heißt Integration, sich der eigenen Volksgruppe zuzuwenden und die kulturelle Eigenständigkeit zu bewahren. Als einzige betonen sie das Trennende zwischen den Migranten und der Mehrheitsgesellschaft im Einwanderungsland.

Allen Gruppen gemeinsam war, dass sie unter Integration immer eine Art der Anpassung verstanden. „Die Integration ist ein Versuch, mit der Andersartigkeit umzugehen, die entsteht, wenn man mit dem Ungewohnten konfrontiert wird, wie z. B. im Falle der Einwanderung“, erläutert Babioch. Diejenigen, die hinzukommen oder in der Minderheit sind, sollen dabei den ersten Schritt tun und auf die Menschen zugehen, welche in der Mehrheit sind. Diese Alltagsvoreingenommenheit scheint damit zusammenhängen, dass die Befragten Integration eher einseitig als Aufgabe und Gewinn der Migranten verstehen. „Integration wird nicht als gemeinsame Sache von alten und neuen Mitgliedern einer Gesellschaft aufgefasst“, zieht die Psychologin ein Fazit aus ihrer Studie. Wie man diese Situation ändern kann? „Den Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft müssten die positiven Folgen der Migration für sie selbst deutlich werden. Auch sollte die einseitige, stereotype Darstellung der Migranten und der Mitglieder der Aufnahmegesellschaft differenziert werden. Sie dürfen nicht mehr so einfach in die alt bekannten Schubladen gesteckt werden. Es gibt viele Gemeinsamkeiten – sie müssten nur stärker beachtet werden.“


Gesche Quent | 10.03.2008
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