Wir kennen es aus dem Museum: „Bitte nicht berühren“ steht dort an den Vitrinen mit den Ausstellungsobjekten. Viele der ausgestellten Stücke sind zu alt und daher zu empfindlich, um sie wie normale Gebrauchsgegenstände zu behandeln. In einer Bibel aus dem Mittelalter darf nicht jeder blättern. Sie muss sorgfältig archiviert werden, damit sie möglichst lange erhalten bleibt.
Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – insbesondere jene, die sich mit historischer Forschung beschäftigen – kennen es: Der Zugang zu den jahrhundertealten Quellen ist oft sehr schwierig, sie müssen sorgfältig behandelt werden. Ein interdisziplinäres Projekt an der FernUniversität in Hagen will jetzt für die historische Philosophieforschung über die frühe Neuzeit (ca. 1400 – 1700) den Zugang zu den alten Quellen erleichtern. Das Projekt trägt den Namen „EMTO (Early Modern Thought Online)“ und wird vom Lehrgebiet Philosophie I (Prof. Dr. Hubertus Busche) zusammen mit dem Lehrgebiet Multimedia und Internetanwendungen (Prof. Dr. Matthias Hemmje) betrieben. „Unser Ziel ist die Erstellung einer Digitalen Bibliothek mit digitalisierten Schriften und zwei korrespondierenden Endbenutzerportalen“, erklärt Dr. Stefan Heßbrüggen-Walter vom Lehrgebiet Philosophie I, der das Literaturversorgungs- und Informationssystem konzeptionell aufbaut. EMTO ist auf einen Zeitraum von mindestens fünf Jahren angelegt und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziell gefördert. Der Projektstart war am 1. Mai 2008.
Erarbeiten eine virtuelle Bibliothek (v.l.): Holger Brocks, Prof. Dr. Hubertus Busche, Dr. Stefan Heßbrüggen-Walter und Prof. Dr. Matthias Hemmje.
1.500 Texte für eine virtuelle Bibliothek
„Wir sprechen hier von Büchern, die 200 oder 300 Jahre alt sind. Die verlassen die Bibliotheken nicht mehr“, beschreibt Dr. Heßbrüggen-Walter die Hintergründe des Projekts. Wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diese Quellen einsehen, müssen sie regelrechte Bibliotheksrundreisen planen. Durch die demnächst im Internet verfügbaren, digitalisierten Texte wird ihre Forschungsarbeit nun extrem erleichtert. 1.500 Titel sollen im Projektzeitraum eingestellt werden. „Die Zielgruppe des Projekts sind also einerseits die entsprechenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, aber andererseits auch interessierte Laien“, ergänzt Prof. Dr. Hubertus Busche, Leiter des Lehrgebiets Philosophie I. Zusätzlich ist ein Online-Handbuch geplant, in dem Überblicksartikel von Forscherinnen und Forschern zum aktuellen Forschungsstand sowie zu speziellen Themenfeldern und Schwerpunkten veröffentlicht werden sollen.
„Das Projekt ist interdisziplinär angelegt, d. h. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen können und sollen die Bibliothek nutzen“, betont Prof. Busche. „Dies sind z.B. Philosophie-Historiker, Wirtschafts-, Kirchen- sowie Rechtshistoriker.“ Da auf europäischer Ebene geforscht wird, sollen verschiedensprachige Texte eingestellt werden.
Koordiniert wird EMTO von der 2004 gegründeten Arbeitsstelle der Europäischen Gesellschaft für frühneuzeitliche Philosophie (ESEMP). Sie wird vom Lehrgebiet Philosophie I (Prof. Dr. Hubertus Busche) verantwortet. Das Projekt leitet Dr. Stefan Heßbrüggen-Walter. Er wählt u.a. die zu erfassenden Texte aus. In die Bibliothek eingestellt werden z.B. Texte, die ihrerseits Hinweise auf andere Texte geben, die also hilfreich für eine umfassende Literaturrecherche sind.
Umsetzung – Fachwissen unterschiedlicher Disziplinen gebündelt
Die technische Umsetzung realisiert das Lehrgebiet Multimedia und Internetanwendungen von Prof. Dr. Matthias Hemmje. Vor allem Holger Brocks ist für den Aufbau der Infrastruktur verantwortlich. „Unser Bibliotheksportal funktioniert ähnlich wie die traditionellen Kataloge“, erläutert er. Die Nutzerinnen und Nutzer können gezielt nach Schlagworten suchen oder auch einfach nur bestimmte Bereiche „browsen“, also durchstöbern. Sogar eine „guided Tour“ wird angeboten. Die Nutzerinnen und Nutzer lassen sich anhand der Überblicksartikel aus dem Handbuch durch die Bibliothek führen. „An ausgewählten Stellen springen sie dann direkt in den Quellenapparat hinein“, meint Heßbrüggen-Walter. Die Dokumente werden miteinander verlinkt, d.h. es wird die im Netz übliche Hypertextstruktur angewendet. Die Software für das Projekt integriert ferner Anwendungen aus den Bereichen Groupware und Kollaboration (Zusammenarbeit im Netz), Dokumentenmanagement und Content Management.
„Dies ist eine sehr innovative Vorausentwicklung“, stellt Matthias Hemmje klar. „Sowohl von der inhaltlichen als auch von der technischen Seite ist ein großes Fachwissen vorhanden und die Kompetenzen können gebündelt eingesetzt werden.“ Da die Software im Hause entwickelt wird, können die Informatiker sofort auf die Bedürfnisse der Wissenschaft eingehen.
Weitere Projektpartner sind die Universitätsbibliothek Erlangen und die Bayerische Staatsbibliothek München. In Erlangen wird gerade eine Online-Fachbibliothek für Philosophie aufgebaut. An diese Webseiten wird das fertige Portal angegliedert und zugänglich gemacht. Die Staatsbibliothek München digitalisiert die gefundenen Schriften. Sie hat sich auf die Digitalisierung und Langzeitarchivierung von Quellen spezialisiert und verfügt über ein eigenes Digitalisierungszentrum.
„Der Bedarf an solch einer digitalen Bibliothek ist groß“, unterstreicht Stefan Heßbrüggen-Walter. „Unsere Kolleginnen und Kollegen sind schon sehr gespannt auf die ersten Ergebnisse.“
FernUniversität in Hagen, 58084 Hagen, Telefon: +49 2331 987-01, E-Mail: fernuni@fernuni-hagen.de