René Ruschmeier
Von liberal bis libertär
In seiner Diplomarbeit fragt René Ruschmeier „Wie viel Freiheit ist „‚genug’? – Die Auseinandersetzung David vs. Milton Friedman vor dem Hintergrund des philosophischen Freiheitsbegriffs“. Der 37-jährige studiert Wirtschaftswissenschaft mit Schwerpunkt Volkswirtschaftslehre an der FernUniversität in Hagen. In der Arbeit beschäftigt er sich mit den zentralen Werken Milton und David Friedmans. Mit David Friedman diskutierte er sogar einige kritische Aspekte in dessen Theorien in einem schriftlichen Interview.
„Milton Friedman selbst betrachtete sich als klassischen Liberalen“, erklärt René Ruschmeier. Seine liberale Grundhaltung legte der Ökonom zuerst 1962 im Buch „Capitalism and Freedom“ („Kapitalismus und Freiheit“) dar. Der Staat solle sich demnach weder in das Leben des einzelnen Individuums noch in den freien Markt einmischen. Friedman kritisierte zum Beispiel staatlich vorgeschriebene Meisterprüfungen im Handwerk oder die staatliche Zulassung von Ärzten. „Für ihn hat jeder das Recht, sich von einem Quacksalber behandeln zu lassen“, spitzt Ruschmeier die Thesen des Amerikaners zu. Als einzige Zuständigkeitsbereiche billigte er dem Staat die innere und äußere Sicherheit sowie die Bildung zu. Ansonsten sei Bürokratie nicht effizient; der Markt würde aufkommende Probleme selbst regeln. Milton Friedman beriet die US-Präsidenten Richard Nixon und Ronald Reagan und beeinflusste auch die britische Premierministerin Margaret Thatcher mit der Wirtschaftsliberalismustheorie. Er verstarb 2006.
Sein Sohn David Friedman ist Professor für Rechtswissenschaft an der kalifornischen Santa Clara University und gilt als einer der Hauptvertreter des so genannten „Anarcho-Kapitalismus“. „David geht noch einen Schritt weiter als sein Vater. Der Einfluss des Staates soll vollständig verschwinden“, sagt Ruschmeier. Diese libertären Ansichten hat David Friedman 1971 im Buch „Machinery of Freedom“ („Das Räderwerk der Freiheit“) dargelegt. „Anarcho-Kapitalisten akzeptieren das Konzept des Gemeinwohls nicht, nur das Individuum und dessen Recht auf Selbstbestimmung und Privateigentum stehen im Vordergrund“, erklärt René Ruschmeier. Jeder Mensch sollte frei in seinem Handeln sein, solange er nicht das Selbstbestimmungsrecht eines anderen verletzt. Die Gesellschaft basiert auf freiwilligen Übereinkünften und freiwilligen vertraglichen Bindungen. „Wenn zum Beispiel ein Damm gegen Hochwasser gebaut werden soll und ein Anwohner will dies nicht,muss laut David Friedman nach einer marktwirtschaftlichen Lösung gesucht werden, der alle Beteiligten freiwillig zustimmen", verdeutlicht Ruschmeier. Der Staat dagegen müsste sich über die Einzelmeinung hinweg setzen und den Damm bauen, um die anderen Anwohner zu schützen.
David Friedman im Interview
Sich mit diesen Auffassungen auseinander zu setzen war für den Wirtschaftsstudenten besonders interessant, da er von Berufswegen auf der Seite des Staates steht: Ruschmeier arbeitet in der Rechtsstelle eines Sozialamtes. Außerdem unterrichtet er Auszubildende und Studierende der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen in Sozialrecht und gibt Fortbildungsseminare für Beschäftigte in Sozialämtern.
Sein Studium begann er 2002 aus Interesse: „Ich habe schon vorher Bücher über Volkswirtschaftslehre, die Geschichte der Ökonomie und Wirtschaftsphilosophie gelesen. Das motivierte mich schließlich zu studieren und die Inhalte zu vertiefen.“
Insbesondere die Wirtschaftsphilosophie ließ ihn nicht los. Im Wahlfach belegte Ruschmeier Philosophie und konzentrierte sich auf die Verbindungen zur Ökonomie. An der FernUniversität bearbeitet Prof. Dr. Kurt Röttgers diesen Bereich. Der Leiter des Lehrgebiets „Philosophie II, insbesondere Praktische Philosophie“ betreute auch Ruschmeiers Diplomarbeit.
Die beschäftigt sich nicht nur mit den zentralen Thesen der Friedmans. René Ruschmeier zeigt ebenfalls die Schwächen ihrer Theorien auf, denen er durchaus kritisch gegenüber steht. „Milton Friedman setzt sich über viele Schwierigkeiten, die seine Arbeiten aufwerfen, einfach hinweg. Andere Theoretiker argumentieren fundierter“, hat er beispielsweise festgestellt. Mit David Friedman hat er sogar per E-Mail Kontakt aufgenommen und ihn zu einigen Stellen im „Räderwerk der Freiheit“ befragt, die für Ruschmeier Schwächen aufweisen. „Ich habe ihm eine Liste mit 28 Fragen geschickt, die er auch beantwortet hat“, beschreibt der FernUni-Student sein Vorgehen. Einige Fragen sind trotzdem noch offen. „Friedman kann zum Beispiel nicht erklären, warum Menschen ein absolutes Recht auf Eigentum haben sollten“, kritisiert René Ruschmeier. Die offenen Fragen sind für ihn ein Anreiz weiterzuarbeiten: „Eine Promotion darüber könnte ich mir gut vorstellen.“
FernUniversität in Hagen, 58084 Hagen, Telefon: +49 2331 987-01, E-Mail: fernuni@fernuni-hagen.de