"Lassen sich Auswirkungen der Ökonomisierung der Gesellschaft theoretisch herleiten?" war eine der Fragen, die im Plenum diskutiert wurden
Dass nicht nur in Wirtschaftsunternehmen ökonomisch gehandelt wird, ist bekannt. „Auch Krankenhäuser, Bildungseinrichtungen oder städtische Theater mussten schon immer effektiv und effizient haushalten“, erklärte Ute Volkmann. Von einer Ökonomisierung der Gesellschaft kann man deshalb erst dann sprechen, wenn – wie gegenwärtig zu beobachten – in Organisationen verstärkt die grundlegenden ökonomischen Prinzipien „Verlustvermeidung“ und „Gewinnerzielung“ zum Tragen kommen. Auch in gesellschaftlichen Bereichen, in denen zuvor eigene Handlungsgrundsätze bestanden. „Kosten und finanzieller Nutzen bestimmen dann nicht nur das Handeln der Krankenhausverwaltung, sondern auch das des Arztes“, gab die Soziologin ein Beispiel.
In wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussionen wird die zunehmende Ökonomisierung der Gesellschaft häufig negativ bewertet. Theoriegeleitete Auseinandersetzungen mit dieser Entwicklung seien in der Soziologie bisher allerdings kaum vorhanden. „Dieses Defizit ist Anlass unserer Konferenz, in der wir Ökonomisierung aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven betrachten und vergleichend diskutieren werden“, gab Moderator Ullrich Bauer das Wort an die Referierenden weiter.
In ihren Vorträgen stellten Prof. Dr. Christoph Deutschmann (Universität Tübingen), Dr. Uwe Bittlingmayer, Dipl.-Soz. Barbara Kuchler (beide Universität Bielefeld), Prof. Dr. Raimund Hasse (Universität Luzern) und Prof. Dr. Richard Münch (Universität Bamberg) verschiedene Gesellschaftstheorien und ihre Erklärungsansätze für Ökonomisierung vor.
Dr. Uwe Bittlingmayer verdeutlichte, dass sich durch Ökonomisierung Macht- und Herrschaftsfragen neu stellen
Ausgehend von Max Weber arbeitete Deutschmann heraus, dass sich die Wirtschaft durch zunehmende Finanzmarktorientierung und der daraus resultierenden schwindenden Innovationskraft selbst schadet. Bittlingmayer machte unter Rückgriff auf die Kritische Theorie darauf aufmerksam, dass sich durch Ökonomisierung Macht- und Herrschaftsfragen neu stellen. Am Beispiel der Pisa-Studie veranschaulichte er diese Entwicklung. Ein differenziertes Bild wirtschaftlicher und nicht-wirtschaftlicher Organisationen zeichnete Hasse in seinem Vortrag. Kuchler ging in ihrer systemtheoretischen Überlegung der Frage nach, ob die Wirtschaft nicht deswegen eine herausgehobene Bedeutung hat, weil andere gesellschaftliche Teilbereiche aufgrund ihres Geldbedarfs in einem besonderen Abhängigkeitsverhältnis zu ihr stehen. Aus einer anderen theoretischen Perspektive zeigte Münch, dass diese Geldabhängigkeit einen Wandel der Spielregeln akademischen Reputationserwerbs zur Folge hat. Er verdeutlichte dies an den aktuellen Umstrukturierungen des deutschen Hochschulsystems.
Mit der Resonanz auf die Tagung und ihren Ergebnissen zeigten sich die Veranstalter sehr zufrieden. „Natürlich lassen sich Theorien nur anhand der Empirie entwickeln. Unser Ziel war es, die entsprechenden Forschungsfragen mit Rückgriff auf bereits bestehende soziologischer Theorien zu entwickeln. Das ist uns gelungen“, erklärte Ute Volkmann.
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