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Aktuelles - Juli 2008

Wie man lernt, sich selbst zu erkennen

FernUni-Prof. Dr. Wolfgang Mack ist Experte für Gedächtnis- und Kognitionspsychologie

Es ist keine positive, aber eine hochkomplexe Fähigkeit: „Wer lügt, muss abschätzen können, welches Wissen sein Gegenüber mit ihm teilt. Was dieses für plausibel hält, aber falsch ist, muss dann als richtig dargestellt werden. Das kann nur, wer sich selbst versteht und damit anderen und sich selbst Wissen über Mentales zuschreiben kann“, weiß Dr. Wolfgang Mack. Wie Selbsterkenntnis funktioniert, erklärte der Professor für Allgemeine Psychologie und Pädagogik am Psychologischen Institut der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften in seiner Antrittsvorlesung an der FernUniversität in Hagen. Als Experte für Gedächtnis- und Lernpsychologie beschäftigt er sich an der FernUniversität unter anderem mit lernpsychologischen Fragestellungen.

Wer wissen möchte, wie er bei Freunden oder Kollegen ankommt, wird sich um Selbsterkenntnis bemühen und sich und andere zu seiner eigenen Person befragen. Voraussetzung für Fragen und Befragen: Die Beteiligten müssen sich als interpretierbare und rational handelnde Wesen anerkennen. Das heißt, sie schreiben sich – und das ist die Grundbedingung für Kommunikation und alle weiteren sozialen Handlungen – wechselseitig zielgerichtete und zweckbestimmte Einstellungen, im weitesten Sinne mentale Zustände, zu. Eigene Wünsche und Überzeugungen stehen dabei in Abhängigkeit zu der Interpretation der Wünsche und Überzeugungen der anderen.

Kanzlerin Regina Zdebel (l.), Rektor Prof. Dr. Helmut Hoyer (2.v.l) und Prof. Dr. Ingrid Josephs, Dekanin der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften, freuten sich auf die Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Wolfgang Mack an der FernUni in Hagen Kanzlerin Regina Zdebel (l.), Rektor Prof. Dr. Helmut Hoyer (2.v.l) und Prof. Dr. Ingrid Josephs, Dekanin der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften, freuten sich auf die Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Wolfgang Mack an der FernUni in Hagen

Fragen und Befragen funktionieren nicht ohne Erinnern. Was ist Erinnern und wo liegt der Unterschied zu Wissen? Wissen resultiert aus der Vermittlung und Weitergabe von Informationen durch andere. Wir wissen aus dem Schulunterricht von den Ereignissen des ersten Weltkrieges, dabei waren die meisten von uns aber nicht. Erinnern ist hingegen eine Bezugnahme auf ein Ereignis, das man selbst erfahren und erlebt hat (kausale Selbstbezüglichkeit). Im Gedächtnis werden diese Ereignisse nach ihrer „Lebensdauer“ in das sensorische Register, Kurzzeit-, Langzeitgedächtnis und Gedächtnis in Aktion (Arbeitsgedächtnis) sowie nach ihren Gedächtnisinhalten (Wissensgedächtnis, Fertigkeitengedächtnis) unterteilt. Die Interpretation der eigenen Lebensgeschichte setzt jedoch einen komplexen Zeitbegriff voraus. „Jede aktuelle Selbstinterpretation ist Ausdruck der Interpretation der eigenen Lebensgeschichte“, verdeutlichte Prof. Mack.

Diese Interpretation („Sich-selbst-verstehen“) beruht auf Erinnerungen, der Mensch greift dabei auf sein semantisches, episodisches, prozedurales und emotionales Wissen zurück. Die Aussage „Ich weiß, dass ich auf Nickel allergisch reagiere“ ist beispielsweise Ausdruck semantischen Wissens. „Ich weiß, wie man ein Kraftfahrzeug führt, weil ich mit 18 Jahren den Führerscheintest bestanden habe“ hingegen beruht auf praktischem (prozeduralem) und episodischem Wissen, während „ich weiß, dass Liebeskummer schmerzhaft ist“ aus episodischem und emotionalem Wissen hervorgeht.

Wann kommt der Mensch zu diesem Wissen über sich selbst? Wenn er sich seiner selbst bewusst ist und gelernt hat, zwischen Subjektivität und Objektivität sowie der eigenen psychischen Realität („Selbst“), derjenigen anderer Personen und der Sachrealität zu unterscheiden. Kinder erkennen beispielsweise erst zwischen dem 18. und 24. Lebensmonat, dass sie sich selbst und keine zweite Person im Spiegel sehen.

Bis zum vierten Lebensjahr bestehen sie in der Regel den „Test zum falschen Glauben“ nicht: Das Kind bekommt ein verschlossenes Objekt, dessen Erscheinungsbild auf einen typischen Inhalt hinweist, zum Beispiel eine Bonbondose. Das Objekt wird geöffnet und dem Kind gezeigt, dass sich darin ein nicht seiner Erwartung entsprechender Inhalt – keine Bonbons, sondern ein Stofftier – befindet. Dem Kind gelingt es noch nicht, seine vergangene falsche Annahme (vor dem Öffnen der Dose Süßigkeiten darin vermutet zu haben) mit der aktuellen, durch die Erfahrung korrigierten, richtigen Annahme zu vergleichen. Zunächst kann es auch nicht die Überzeugung einer Person vorhersagen, der das verschlossene Objekt gezeigt werden wird. „Was würde eine neu hinzukommende Person in der Dose vermuten?“ Das Kind weiß jetzt, dass sich darin ein Stofftier befindet und schreibt dieses Wissen auch einer zuvor nicht anwesenden Person zu. Somit kann es auch sein Sozialverhalten noch nicht strategisch planen, beispielsweise lügen.

Damit wir uns selbst erkennen können, müssen wir die Psychologie unseres Alltags lernen, d.h. uns selbst und anderen seelische Eigenschaften zuschreiben können. Ein Kennzeichen dafür ist, die Perspektive anderer einnehmen zu können. Dazu gehört wesentlich, die eigenen Perspektiven, auch die der eigenen Vergangenheit, von denjenigen anderer unterscheiden zu können.

Manuela Feldkamp | 30.07.2008
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