In der Psychologie versteht man unter Selbstdarstellung alle Versuche, Bilder der eigenen Person zu vermitteln“, so Prof. Dr. Karl-Heinz Renner, „den Ausdruck ’wahrer’ Persönlichkeitsmerkmale, die leicht geschönte Darstellung eigener Qualitäten bis hin zu cleverem Bluffen, Täuschungen und Hochstapelei.“
Prof. Karl-Heinz Renner bei seiner Antrittsvorlesung
Das Echte theatralisch inszenieren
Die gezielte Darstellung eigener Qualitäten kann wirklich erfolgreich sein. Das hat eine wissenschaftliche Studie gezeigt, in der sich Probanden zuerst einem objektiven Intelligenztest unterzogen. Ein Teil von ihnen sollte dann in Gesprächen gezielt einen kompetenten Eindruck vermitteln, eine Kontrollgruppe führte die Gespräche ohne Selbstdarstellungsinstruktion. Eine Beobachtergruppe – die diese Vorgaben nicht kannte – musste die Intelligenz aller Personen einschätzen, nachdem sie die Videoaufnahmen der jeweils fünfminütigen Gespräche gesehen hatte: Das Ergebnis: Die von den Beobachtern eingeschätzte Intelligenz stimmte mit der zuvor gemessenen Testintelligenz bei den Selbstdarstellern besser überein als bei Personen, denen keine Selbstdarstellungs-Instruktion gegeben wurde! Personen, die sich selbst darstellten, konnten anderen ihre tatsächliche Intelligenz also akkurater vermitteln als Personen, die sich nicht darstellten. Prof. Renner: „Das ‚Echte’ bedarf nach diesem Experiment theatralischer Hilfen, denn tatsächliche Kompetenzen werden nicht ohne weiteres erkannt.“
Für Renner ist daher Selbstdarstellungskompetenz ein wichtiger Teil der sozialen Intelligenz: „Man weiß, wie man bei bestimmten Leuten einen bestimmten Eindruck erweckt.“ Diese Kompetenz kann man im Alltag vielfältig einsetzen, vom Bewerbungsgespräch über Vorträge bis hin zum Flirten, um andere Menschen kennenzulernen, sie zu überzeugen oder zu einem bestimmten Handeln zu bewegen.
Im Vorteil sind dabei manchmal Menschen mit einer histrionischen Persönlichkeit. Histrionische Selbstdarsteller fassen eine ganz normale Alltagssituation als Gelegenheit zum Rollenspiel auf, werden theatralisch oder ironisch (was die anderen durchaus erkennen sollen): „Ich meine das ja nicht so, aber ich sage das doch mal…“ Sie parodieren z. B. auch gerne andere Menschen. Oder sie wollen Spannung in eine langweilige Situation bringen. Vielleicht aber auch aus einer Konfliktsituation „Luft herauslassen“. Renner: „Ihr Verhalten kann für sie persönlich erfolgreich und für eine Gruppe konstruktiv sein, aber nur, wenn man viel Wahrnehmungssensibilität, also Fingerspitzengefühl hat. Viele finden es z. B. nicht lustig, parodiert zu werden.“ Verhalten sich histrionische Selbstdarsteller öfters so, vor allem in informellen Situationen, wird die Rolle des „Clowns“ aber auch schnell von ihnen erwartet.
Ein weiteres histrionisches Ziel kann soziale Beeinflussung sein, etwa die Stimmung in einer Gruppe zu verändern oder Macht auszuüben: „Ein histrionischer Selbstdarsteller kann eine Situation neu definieren, indem er die Aufmerksamkeit ganz auf sich zieht – ein ‚Klassenclown’ zum Beispiel kann den Unterricht ‚völlig umkrempeln’.“
Viele Menschen glauben, dass sie von anderen so gesehen werden, wie sie sich selbst sehen. Weil die „subjektive Selbstsicht“ jedoch nicht immer der „Fremdsicht“ entspricht, gibt es ein breites Angebot von Fortbildungen und Coachings für Führungskräfte und Politiker. Sie können z. B. – oft erstmals – auf einem Video ihr eigenes Verhalten so sehen wie ihre Interaktionspartner und dabei erkennen, was sie ändern möchten. Renner nennt hierfür auch Unternehmenstheater: Rollenspiele für Manager und Gemanagte unter professioneller Anleitung. Voraussetzung ist natürlich die Motivation, sich verändern zu wollen. Auslöser hierfür können „Diskrepanzerlebnisse“ sein, die bei der Konfrontation der subjektiven Selbstsicht mit der Fremdsicht entstehen.
Erst mal ausprobieren, was zur Persönlichkeit passt
Es ist ganz wichtig, das angestrebte neue Verhalten auszuprobieren: „Genau das ist Schauspielern.“ Z. B. bei Vorträgen. Dafür gibt es Übungen, Rollenspiele, man kann sich „hinstellen und besonders laut sprechen oder besonders langsam oder einmal probeweise ständig ins Publikum schauen“. Renner – der selbst viele Jahre Laienschauspieler war – weiter: „Durch das Schauspielern kann man entdecken, was besser zur eigenen Persönlichkeit passt.“ Dadurch kann es dem Schauspieler oder der Schauspielerin tatsächlich besser gehen, denn dadurch wird das Bedürfnis gestillt, die eigene Darstellung, den Umgang mit anderen zu verbessern: „Man entdeckt vielleicht ein Selbstdarstellungsverhalten, das den persönlichen Zielen besser entspricht und verhält sich dann zunächst schauspielernd so, wie man sein möchte.“
Was für Einzelpersonen gilt lässt sich auch auf Gruppen, Organisationen u. ä. übertragen. Unternehmen etwa versuchen, anderen ein bestimmtes „Image“ von sich zu vermitteln. Das können – nach außen – Kunden oder Lieferanten ebenso sein wie z. B. gesellschaftliche Gruppen, nach innen aber auch die Beschäftigten: „Ganz besonders deutlich kann man das bei Automarken sehen“, betont Renner.
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