„Sind Ihnen heute schon ein paar kleine Teilchen begegnet?“ Von dieser ironischen Frage lässt sich Michael Karagounis nicht aus der Ruhe bringen, auch nicht am 10. September: An diesem Tag wurde der Teilchenbeschleuniger LHC, die größte Forschungsmaschine der Welt, gestartet. Im Europäischen Zentrum für Teilchenphysik CERN bei Genf ging erstmals ein Strahl aus Atomkernen auf die 27 Kilometer lange Reise durch den unterirdischen Ringtunnel des Large Hadron Collider (großer Hadronen-Speicherring): „Bei uns ist ‚Business as usual’ angesagt“, so Michael Karagounis. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim deutschen LHC-Experiment „ATLAS“ des Physikalischen Instituts der Universität Bonn und promoviert an der FernUniversität in Hagen. Betreut wird der 31-jährige von den beiden Professoren Dr. Norbert Wermes, Bonn, und Dr.-Ing. Horst Wupper, emeritierter Leiter des Hagener Lehrgebiets Elektronische Schaltungen.
Michael Kargounis an seinem Arbeitsplatz in bonn
ATLAS ist eines von vier CERN-Experimenten, Prof. Wermes ist sein Sprecher in Deutschland. Hierbei sollen Flugbahnen von Teilchen untersucht worden, die bei Zusammenstößen fast lichtschneller Atomkerne im LHC erzeugt werden, um die Entstehung des Weltalls von rund 14 Milliarden Jahren, kurz nach dem Urknall, besser zu verstehen.
Bei den Kollisionen entstehen Signale, die gemessen werden können, wenn die neuen Teilchen durch einen Detektor fliegen. Die Auslesechips darin müssen nach einer gewissen Zeit durch neue ersetzt werden, 2013 das nächste Mal. Mitte 2009 soll diese neue Chip-Generation in internationaler Zusammenarbeit fertig entwickelt sein.
Dass er in diesem höchkarätigen Team einmal arbeiten würde, ahnte der heutige FernUni-Promovend nicht im Entferntesten, als er nach seinem FH-Studium Elektrotechnik und Nachrichtentechnik in Köln im Jahre 2000 an der FernUniversität mit dem Ergänzungsstudiengang Elektrotechnik begann. Parallel zu seinem Industrie-Job. Den Tipp „FernUni“ hatte ihm einer seiner FH-Professoren gegeben. Seine Diplomarbeit wollte Michael Karagounis über analoges Chipdesign schreiben. Bei seinen Recherchen stieß er auf die ATLAS-Gruppe. Beide Professoren waren bereit, die Diplomarbeit gemeinsam zu betreuen.
Nach dem Abschluss seines FernUni-Studiums bekam Michael Karagounis das Angebot, bei ATLAS zu bleiben: „Ich wollte ja gerne zum Dr.-Ing. promovieren.“ Wieder waren beide Professoren zur gemeinsamen Betreuung bereit, Wupper sogar trotz seiner bevorstehenden Emeritierung. So konnte Karagounis bereits 2004 mit seiner Promotion anfangen, bei der es um die Entwicklung von analogen Schaltungen für hybride Pixel-Detektoren geht. Seine Ideen sind inzwischen fast vollständig als Schaltungen realisiert, im Winter 2008/2009 will er mit dem Schreiben anfangen.
Um solche chips geht es in der Arbeit von Michael Kargounis
Für hybride Pixel-Detektoren gibt es auch in der Praxis ein breites Anwendungsfeld, z. B. in der Computertomografie, wo Röntgen-Photonen detektiert werden. „Im Prinzip gleichen sich die Wirkungsweisen von Chips in Computertomographen und Auslesechips in der Teilchenphysik“, erläutert der Hagener Promovend, der bereits am Anfang seines Vorhabens bei einem entsprechenden Projekt zwischen dem Institut und der Firma Philips mitwirkte. Zusammen mit den anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern freute er sich, dass „ein Konzept der Teilchen-Physik auch praktisch anwendbar ist“.
Seine Kolleginnen und Kollegen sind vorwiegend Physikerinnen und Physiker. „Hier kann ich als Elektrotechniker über meinen eigenen ‚Sandkasten’ hinaus blicken und eine gemeinsame Sprache mit ihnen finden. Das interdisziplinäre Arbeiten finde ich sehr spannend. Ich lerne hier, anders zu denken.“ Klar macht er das an einem Beispiel, bei dem es um die Qualität eines Signals geht: „In der Elektrotechnik wird Qualität als Signal-zu-Rauschen-Abstand definiert und in Dezibel gemessen, Physiker geben alles in ‚Elektronenäquivalenen’ an, wenn es um Rauschen geht.“ Durch die fachübergreifende Kommunikation lernt er ganz neue Sichtweisen kennen.
Fernstudium und externe Promotion entsprechen auch seiner Art zu lernen: selbstgesteuert, z.T. autodidaktisch. Doch kann das alles nur bei guter Betreuung klappen: „Die Betreuung durch Prof. Wupper per E-Mail und zum Abschluss hin auch persönlich steht den direkten Kontakten in Bonn nicht nach“, betont Michael Karagounis, „da gibt es nichts zu kritisieren.“
Das gilt ebenso für die Rahmenbedingungen seines Fernstudiums und seiner Promotion: „Natürlich muss man seine Zeit genau planen und manches auch aufgeben“, hat Michael Karagounis erfahren, der vom aktiven Basketballspieler zum „TV-Sportler“ geworden ist, „aber mein zweieinhalbjähriger Sohn hat Vorrang“. Er lacht: „Meine Frau hat schon während meines Studiums erkannt, dass ich das für’s Glücklichsein brauche.“ Ganz wichtig ist, dass ihm gefällt, was er tut: „Es darf kein Muss sein, sondern eine Erfüllung – dann macht man das gerne! Andernfalls sollte man berufsbegleitendes Studium und externe Promotion erst gar nicht anfangen.“
Sein Resümee: „Ich bin vollauf zufrieden und dankbar, dass diese Kooperation zustande gekommen ist und ich in dieses Projekt gerutscht bin.“
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