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Aktuelles - November 2008

Bilden in der Bahn und beim Bügeln

FernUni-Nachwuchswissenschaftler untersuchen Lernen durch Podcasting

Hörbücher oder Podcasts haben Konjunktur. Längst nutzen viele Menschen die Zeit beim Joggen, beim Autofahren oder in U-Bahn zur Unterhaltung und zum Wissenserwerb per Audio: „Sogar beim Bügeln kann man so lernen“, erläutert Juniorprofessor Dr. Michael Klebl von der FernUniversität in Hagen, der zusammen mit seinem Kollegen Dr. Stephan Lukosch das „Kollaborative audio-basierte Storytelling“ (CASTing) entwickelt hat. Das Besondere am Konzept von CASTing: Die Beiträge werden bis zum letzten Knopfdruck in der Zusammenarbeit und Verantwortung der gesamten Gruppe erstellt und das Ganze ist audiobasiert.

Neben der universitären Lehre sehen die beiden Nachwuchswissenschaftler viele Anwendungsmöglichkeiten für Wissenserwerb und -vermittlung. In Unternehmen ist Storytelling bereits als Methode des Wissensmanagements etabliert. Auch für die Kommunikation zwischen Laien und Experten und selbst beim Bürgerrundfunk kann CASTing sich eignen.

Bei der Entwicklung von CASTing haben die beiden Juniorprofessoren Michael Klebl (CSCL – Computer Supported Collaborative Learning, Fakultät Kultur- und Sozialwissenschaften) und Dr. Stephan Lukosch (Verteilte Systeme für kooperative Arbeits-/Lernumgebungen, Fakultät Mathematik und Informatik) interdisziplinär zusammen gearbeitet (Stephan Lukosch hat inzwischen eine Professur an der Technischen Universität im niederländischen Delft angenommen, an CASTing wird er weiter mit Klebl zusammenarbeiten).

Befassen sich mit dem Einsatz von Podcasts in der Fernlehre: Michael Klebl (re.) und Stephan Lukosch

Eine Story – viele Autorinnen und Autoren

An der FernUniversität können Studentinnen und Studenten seit Beginn des Wintersemesters 2008/2009 im Rahmen von Seminaren gemeinsam Podcasts erstellen, um durch den lebendigen Dialog zu lernen. Als u. U. weltweit verteilte Gruppe arbeiten sie über das Internet und zu unterschiedlichen Zeiten an dem Projekt. Diese grenzenlose Zusammenarbeit geht so weit, dass die Podcast-Beiträge auch gemeinsam „geschnitten“ werden können, virtuell natürlich.

Die Produktion von Vorträgen für Studierende ist nur eine Seite der Medaille: „Uns interessiert in unserer Forschung, wie wir die Studierenden dazu bringen können, als Gruppe Podcasts zu produzieren“, so Klebl, „und wir wollen wissen: Was passiert dann in der Gruppe?“ Schließlich sollen die Studierenden ja vor allem durch den Wissensaustausch, im Dialog und in der Diskussion lernen. „Es ging uns also nicht darum, ‚klassische Vorlesungen’ aufzunehmen und in MP3-Dateien umzuwandeln“, ergänzt Lukosch, „sondern um Seminaratmosphäre. Dadurch bilden wir außer dem universitären Lernkontext auch Lehr- und Lernprozesse in anderen Bereichen ab, etwa in der betrieblichen Weiterbildung.“

Vielfältige Wege der Wissensvermittlung

Wissenserwerb und -vermittlung findet in Organisationen auf sehr vielfältigen Wegen gerade außerhalb des Seminarraums statt. Modernes Wissensmanagement setzt nicht nur auf gesteuerte Wissensvermittlung, sondern versucht auch, informelle Prozesse gewinnbringend einzusetzen: Durch Gespräche am Arbeitsplatz und auf Arbeitswegen, in Pausen, in Kantine oder Teeküche wird oft besonders viel Expertenwissen weiter gegeben. Und es muss sich nicht nur um Fachwissen handeln, sondern es kann auch „Atmosphärisches“ vermittelt werden. Dieses braucht man, um bestimmte Entscheidungen, Strukturen oder Verhältnisse, z. B. in Organisationen, überhaupt einordnen zu können.

Das geschieht oft in Form einer Geschichte, wie man das auch von Familienfeiern her kennt: „Weißt Du noch…?“ Unter dem Stichwort „Storytelling“ wird diese Art der Weitergabe von Wissen dann auch theoretisch gefasst. „In einer Erfahrungsgeschichte steht Wissen in sehr komprimierter Form zur Verfügung, es kann auch sehr komprimiert weiter gegeben werden“, erläutert Klebl. Solches Expertenwissen entsteht zudem in Projektgruppen, dort kann es zur Reflexion von Projektverläufen genutzt werden. Aber nur, wenn alle Gruppenmitglieder darauf Zugriff haben, also gemeinsam die Geschichte erzählen. „Das ist dann wie in einer Familie, die Freunden von Erlebnissen im Urlaub erzählt“, erläutert Klebl. Mehrere Gruppenmitglieder arbeiten gemeinsam an einer Geschichte, stellen Rückfragen, ergänzen sie durch immer neue Beiträge oder fassen Erinnerungen zu kurzen, oft moralischen Erkenntnissen zusammen, bis daraus eine Geschichte geworden ist. Zuhörer werden zu Co-Erzählern.

Die beiden Forscher wollen für die Weitergabe von gemeinsam erzählten Geschichten Podcasts einsetzen. Denn charakteristisch für diese Form der Wissensvermittlung ist, dass Erfahrungen und Erkenntnisse rein auditiv weiter gegeben werden, also durch mündliches Erzählen und Hören. Die Beschränkung auf Audio macht das Erzählen besonders authentisch: „Ich höre, wer das spricht“, betont Klebl. Das regt die Vorstellungskraft der Hörenden an, deren Aufmerksamkeit durch eine geschickte Didaktik gesteuert werden kann. „Und Didaktik ist für mich einer Dramaturgie sehr ähnlich“, erklärt Klebl, „mit einer guten Erzählung kann die Spannung erzeugt und erhalten werden“.

Für dieses Vorhaben gab es allerdings noch kein technisches System, das lebendige Gruppenarbeit unterstützt. Klebl und Lukosch gelang es, einen Prototyp zu entwickeln, der jetzt bereits eingesetzt werden kann. Studierende von Michael Klebl werden in einem Online-Seminar über „Kinderfilm und Kindheit im Film“ gemeinsam den Inhalt eines Films nacherzählen (als Grundlage der folgenden Analyse).

Angesichts der Tatsache, dass 80 Prozent der FernUni-Studierenden berufstätig sind, kommt nur ein System infrage, das verteiltes und asynchrones Arbeiten unterstützt: Die Gruppenmitglieder sind durch große Entfernungen voneinander getrennt und arbeiten zu unterschiedlichen Zeiten an dem Thema. Ihre Beiträge nehmen sie mit einem Mikrofon über ihren PC auf und speichern sie in einem Bereich, der allen Gruppenmitgliedern per Internet zugänglich ist. Damit eine Geschichte entsteht, werden die Beiträge markiert, in Teile zerlegt und durch Verbindungen neu zusammengesetzt. Teilstücke können an anderer Stelle in die Geschichte wieder genutzt werden, unwichtige Teile können auch gelöscht werden, fehlende Informationen und Erläuterungen „nachproduziert“ und über Verlinkungen eingefügt werden: „So entsteht eine ganz neue ‚Story’“, erklärt Lukosch. Die MP3-Endfassung – die auf Knopfdruck entsteht, wenn die Gruppe sich einig ist – muss noch nicht einmal einen einzigen Schluss haben, es können auch Alternativen angeboten werden. Im Gegensatz zur althergebrachten Tonband-Technik stehen die Bausteine der Story verteilt im Netz, sie werden virtuell aneinander gefügt und können mehrfach verwendet werden. „Das ist entscheidend.“ erläutert Lukosch: „Es gibt zwar ähnliche Systeme, aber keines, mit denen eine ganze Gruppe die Beiträge wirklich in der Zusammenarbeit über das Internet schneiden kann. Das bleibt bei anderen Werkzeugen immer einem Einzigen überlassen.“

Die beiden Nachwuchswissenschaftler arbeiten bereits seit zwei Jahren interdisziplinär bei diesem Forschungs- und Entwicklungsprojekt zusammen. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit fand bereits breite Anerkennung: Die beiden FernUni-Juniorprofessoren wurden mit dem Forschungspreis der Tagung „Mensch und Computer 2008“ im September ausgezeichnet.

Gerd Dapprich | 24.11.2008
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