Digitale Kommunikation und ebenso modernes Lernen werden immer mobiler. Die Studierenden der FernUniversität in Hagen nutzen hierfür zunehmend das Internet, über das sie auch immer umfassender betreut werden. „Wie weit wird dieser Trend einmal gehen?“ ist eine Frage mit durchaus auch philosophischem Gehalt. Mit ihr befasst sich Prof. Dr. Kurt Röttgers, Lehrgebiet Philosophie, insb. Praktische Philosophie. Die praktische Seite von E-Learning, mobilem Lernen und virtuellen Lernumgebungen kennt er ebenso: Als erster Professor der FernUniversität bot der Philosoph ein Online-Seminar an. Heute hinterfragt er z. B.: „Wie kann der wesentlich höhere Betreuungsaufwand für unsere Studierenden konzeptionell von der FernUniversität erfasst werden?“ Eine wertvolle Hilfe sind ihm seit vielen Jahren wissenschaftliche Diskussionen mit Prof. Dr. Kristóf Nyíri. Der Professor für die Technik der Lehre im Institut für angewandte Pädagogik und Psychologie der Technischen und Wirtschafts-Universität Budapest befasst sich intensiv mit philosophischen Fragestellungen, die mobiles Kommunizieren und Studieren aufwerfen. Im Herbst und Winter 2008 ist Prof. Nyíri für insgesamt drei Monate in Deutschland, die meiste Zeit in Hagen.
Ihre fruchtbaren Diskussionen bringen beide weiter: Prof. Kristóf Nyíri (re.) und Prof. Kurt Röttgers
„Das philosophische Institut der FernUniversität hat einen hervorragenden Ruf, ich freue mich sehr, in dieser Umgebung zu arbeiten!“ sagt der ungarische Wissenschaftler. Hier befasst er sich mit der Verbindung der „Philosophie der Zeit“ und der „Philosophie des Bildes“. Kristóf Nyíri: „Beide Philosophien sollten als Gesamtheit behandelt werden – nicht abstrakt, sondern praktisch, um Nicht-Philosophen gedanklich bei bestimmten Problemen weiter zu helfen.“ Ein „glücklicher Zufall“ ist für ihn, dass sein Hagener Kollege und Freund in beiden Teil-Philosophien bewandert ist: „Erste Gespräche haben mir bereits weiter geholfen.“
Die Philosophie der Zeit und die des Bildes haben durchaus Bezug zum mobilen Kommunizieren: „Das Mobiltelefon hat dem lebenslangen Lernen einen deutlichen Anschub gegeben.“ Lebenslanges Lernen geschieht non-formal und informell. Das Handy ist für Nyíri das optimale Instrument hierfür: „Wir haben die philosophische und pädagogische Aufgabe, klassisches und neues Lehrmaterial so zu strukturieren, dass es auf dem Handy verwendet werden kann.“
Nyíri befasst sich seit Mitte der 1990-iger Jahre mit bildphilosophischen Fragestellungen. Diese damals bereits etablierte Teil-Wissenschaft hatte noch keine Verbindungen zur „Philosophie der Zeit“. Nyíri kam aber zu der Erkenntnis: „In Bildern zu denken und durch Bilder zu kommunizieren gehört zur natürlichen menschlichen Verfassung – das wird durch das Handy ermöglicht.“ Das Gerät gibt den Menschen die Möglichkeit (zurück), sich wieder bewusst zu werden, „dass wir in Bildern denken und nicht nur in Worten“, so der Ungar. Durch und seit der Erfindung des Buchdrucks sei die Welt vom Wort dominiert worden: „Wir verlernten, in Bildern zu denken, weil Bilder schwer vermittelbar sind.“ Erst durch die Computergrafik erhielten Bilder für die Kommunikation wieder eine größere Bedeutung. Wort und Bild gehören jedoch zusammen, der Mensch nutzt seine kognitiven Fähigkeiten nur dann aus, wenn er beides zusammen einsetzt – Wort und Bild: Multimedia im Kleinen. Und das geschieht nicht zuletzt durch das Versenden von Worten und Bildern per Handy.
Doch auch die Philosophie der Zeit steht im Zusammenhang mit dem Handy. Es macht die Verabredung zu einem Treffen an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit viel einfacher. Doch was geschieht dann? Das Treffen soll verlegt werden, auf einen anderen Termin. Ein heute leicht mitzuteilender Wunsch: „Diese Interaktion wäre in der Vor-Handy-Zeit viel schwerer möglich gewesen – man wäre vielleicht etwas zu früh oder zu spät gekommen, hätte sich jedoch bemüht, die Verabredung innerhalb eines absoluten Zeitrahmens einzuhalten.“ Dieser Zeitrahmen wird durch das Handy flexibler, der Zeitpunkt damit unsicherer.
Durch mobiles Telefonieren verändert sich der Umgang mit der Zeit – verändert sich auch die Natur der Zeit? Diese Frage interessiert Nyíri: „Die Philosophien der Zeit und des Bildes sind nicht nur mit dem Handy verbunden, sondern auch miteinander.“ Denn fragt man die Menschen „Was ist die Zeit?“ lautet die Antwort fast immer „Ich weiß es nicht.“ Vielmehr benutzen sie Metaphern (weil niemand „Zeit“ erklären kann – auch Philosophen nicht): „Ich habe zuwenig Zeit… Sie verfliegt… Nicht umkehrbar…“ Menschen drücken im Alltagsleben Bilder, die sie von etwas haben, durch Wörter aus: „Hinter Metaphern stehen reale Bilder. Metaphern funktionieren, weil wir tatsächliche Bilder von der Zeit haben.“ Das heißt aber auch: „Keine Zeit ohne Bild.“
Es heißt ebenso: „Kein Bild ohne Zeit.“ Denn Bilder müssen gedeutet werden, um eindeutig zu sein. Das geschieht meistens durch Wörter. Jedoch sind Bilder auch durch andere Bilder deutbar, z. B. in Bildabfolgen, Animationen oder Filmen, die eine reichhaltigere Logik enthalten als ein Standbild. Also bewegt ein „vollwertigeres Bild“ sich – ein statisches Bild ist jedoch nur ein Grenzfall des bewegten Bildes.
Bewegung geschieht aber „in Zeit“. Also „kein Bild ohne Zeit.“
Den ersten Kontakt hatten die beiden Philosophen bereits vor über zehn Jahren, als Kristóf Nyíri – damals noch Direktor des Forschungsinstituts an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften – erstmals in Hagen war. Hier informierte er sich über E-Learning und virtuelles Studieren an der FernUniversität. In Prof. Kurt Röttgers fand er einen Gesprächspartner, mit dem er auf einer „Wellenlänge funkte“. In einer von der Humboldt-Stiftung geförderten Institutskooperation zu digitalem Lehrmaterial über die philosophische Welt entwickelten die beiden Wissenschaftler eine CD-ROM. Ihr schnelles Veralten zeigte ihnen, „wie aktuell unser Thema damals wirklich war“, so Kurt Röttgers. Während der Zusammenarbeit kamen sich die beiden menschlich nahe, trafen sich weiterhin auf den verschiedensten wissenschaftlichen Veranstaltungen immer wieder. Jetzt wurde Nyíri – inzwischen Emeritus der Akademie, aber Professor an der Technischen und Wirtschafts-Universität Budapest – als ehemaliger Humboldt-Stipendiat wieder für insgesamt drei Monate nach Deutschland eingeladen. Den größten Teil dieser Zeit verbringt er an der FernUniversität. Im Herbst 2009 soll Kurt Röttgers – der dann selbst im Ruhestand ist – als Gastprofessor nach Budapest kommen.
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