Rubriken

Februar

Gewaltsame Konflikte als Folgen des Klimawandels: Frühzeitig und punktgenau vorsorgen

Prof. Breitmeier erforscht Wirkungen des Klimawandels auf Gewalt in Megastädten

Extreme Wetterereignisse, überschwemmte Küsten und Deltagebiete, zunehmende Knappheit von Wasser und Nahrungsmitteln: Die wissenschaftlichen Prognosen des sogenannten Weltklimarats (Intergovernmental Panel on Climate Change) sagen für die nahe Zukunft voraus, dass der Klimawandel zu dramatischen Wirkungen führt und sich das soziale Zusammenleben dadurch erheblich verändern wird. Prof. Dr. Helmut Breitmeier, Politikwissenschaftler an der FernUniversität in Hagen, interessiert vor allem die Frage, ob die Erderwärmung zu neuen gewaltsamen Konflikten in Megastädten führt und wie diesen Gewaltkonflikten vorgebeugt werden kann. Neben der vordringlichen Aufgabe einer weitestgehenden Begrenzung der globalen Treibhausgasemissionen betont er auch die Notwendigkeit, Strategien zur Anpassung an den Klimawandel zu entwickeln. Dadurch könne Prävention gegen neue gewaltsame Konflikte geleistet werden, die durch den Klimawandel in der Zukunft ansonsten möglicherweise verursacht werden.

Prof. Helmut Breitmeier

Besonders gefährdet vor allem durch extreme Wetterereignisse sind die Menschen in vielen Ländern Afrikas, Asiens und Südamerikas, die küstennah leben. Heute wohnen schon über 20 Prozent der Weltbevölkerung höchstens 30 Kilometer entfernt von den Meeren, rund 50 Prozent sind maximal 60 Kilometer entfernt. Die Landkarten der Küstenregionen sind gespickt mit Punkten, die Metropolen mit Hunderttausenden oder Millionen Einwohnern symbolisieren. Manche liegen nicht weit über oder sogar teilweise unter dem Meeresspiegel wie Dhaka in Bangladesch mit seinen 12,4 Millionen Einwohnern (2005), deren Zahl jährlich um 3,25 Prozent wächst. 28,75 Millionen waren es 2005 im chinesischen Perlenfluss-Delta, 13,2 Millionen in Djakarta, 10,9 in Lagos und 11,5 in Rio de Janeiro.

Im Jahre 2005 zählte die Münchener Rückversicherung in einer Studie 22 Mega-Städte, die urbane Räume mit mindestens 10 Millionen Einwohnern darstellen. Oft lebt dort die Hälfte der Einwohnerschaft in Slums unter unwürdigsten Bedingungen. . In Entwicklungs- und Schwellenländern ziehen immer mehr Menschen in die Städte, weil sie auf dem Land keine Lebensgrundlage haben, weil sie hier „ihr Glück suchen“, weil Städte die Hoffnung der Menschen auf ein besseres Leben verkörpern. Für den FernUni-Professor ergibt sich daraus die Notwendigkeit, an dieser Stelle „den Hebel anzusetzen“: „Wir benötigen eine ökologisch nachhaltige und soziale Entwicklung der großen Städte und ländlichen Räume.“

Wenn solche Maßnahmen ausbleiben, dann ist die arme Bevölkerung in den Megastädten von den Folgen des Klimawandels in besonderer Weise betroffen. Die Slumbewohner werden als Erste unter den Folgen von Überschwemmungen, Dürre und anderen extremen Wettereignissen zu leiden haben: dem Mangel an Wasser und Lebensmitteln, dem Zusammenbruch der schwachen öffentlichen Infrastruktur, der mangelnden sanitären Grundversorgung, der fehlenden Gesundheitsversorgung und dem Ausbruch von Seuchen.

Als Folge davon könnten sich fragile Gesellschaftsstrukturen weiter auflösen und das schon vorhandene Gewaltpotential erhöhen: „Wir werden weltweit vor Sicherheitsgefahren stehen, die mit den bisherigen militärischen Rezepten nicht zu bewältigen sind. Um gegen neue klimabedingte Sicherheitsgefahren vorzubeugen müssen wir in diesen Ländern präventive Maßnahmen ergreifen, die vor allem die zivile und soziale Infrastruktur stärken.“

Wenn die Menschen aber ihre Lebensgrundlagen dauerhaft verlieren sollten, dann führt das zur sozialen Entwurzelung. Das könnte die Gewaltpotentiale innerhalb von Entwicklungsgesellschaften deutlich erhöhen und bereits vorhandene ethnische Konflikte zusätzlich verstärken. Im Übrigen: Eine klimabedingte Zerstörung der Lebensgrundlagen auf dem Land könnte dazu führen, dass dadurch entwurzelte Menschen wiederum in die Städte abwandern.

Vor allem innerhalb von Staaten könnte der Klimawandel somit zu einer Zunahme von gewaltsamen Konflikten führen. Grundsätzlich sind Konflikte im sozialen Zusammenleben für Prof. Breitmeier ein alltägliches und letztlich unvermeidbares Phänomen: „Es kommt aber darauf an, wie sie ausgetragen werden – friedlich oder gewaltsam.“ Die Schaffung von Governance-Systemen ist es auf der zwischen-staatlichen und innerstaatlichen Ebene hat in vielen Bereichen erreicht, Konflikte ohne Gewalt auszutragen. Das könnte nach Breitmeiers Meinung für die Zukunft auch für die viel befürchteten Konflikte um Ressourcen gelten, besonders um sauberes Wasser: „Es gibt auf der Welt fast 300 grenzüberschreitende Gewässer. Dafür gibt es über 400 vertragliche Nutzungsregelungen. Wir stellen bisher keine signifikante Zahl von gewaltsamen Konflikten um Wasser fest.“ Es sei aber notwendig, „dass noch effektivere Institutionen für das internationale Wassermanagement geschaffen werden, damit die Folgen des Klimawandels auch in der Zukunft friedlich bearbeitet werden“.

Natürlich muss alles getan werden, um den Klimawandel so gering wie möglich zu halten. Verhindert werden kann er aber nicht. Und verlagern kann man die gefährdeten Städte ja auch nicht. Also müssen sie in mehrfacher Hinsicht katastrophensicher gemacht werden. Und zwar frühzeitig, und durch die Hilfe internationaler Organisationen und der reichen Industrienationen.

Daraus ergeben sich neue Anforderungen für das Regieren in Megastädten. Eine zukunftsorientierte Stadtentwicklung in gefährdeten Küstenregionen muss sehr stark die lokalen Folgen der Erderwärmung berücksichtigen: „In den betroffenen Megastädten muss die Infrastruktur gestärkt werden, auch dafür braucht man eine zukunftsorientierte, langfristig handelnde Politik und Stadtplanung.“ Daraus ergeben sich Forderungen nach technischen Maßnahmen: „Es muss Frühwarnsysteme geben, die Informationen über drohende Gefahren liefern.“ Tritt der Fall des Falles ein müssen Dämme und Deiche den bei Wirbelstürmen anfallenden Wassermassen gewachsen sein – also müssen weltweit entsprechende Technologien im Wasser-, Kultur- und Tiefbau eingesetzt werden.

Die Vorsorge muss aber weit über bauliche und technische Maßnahmen hinausgehen und auch darauf abzielen, die sozialen und ökologischen Lebensbedingungen in Megastädten zu verbessern und Programme entwickeln, die zu einer Verminderung der Gewaltpotentiale vor Ort und zur Einbeziehung der lokalen Bevölkerung in den Politikprozess beitragen.

Alleine können viele vor allem der ärmsten Länder dies nicht schaffen: „Die Probleme, die auf sie zu kommen wären ja auch von vielen wohlhabenderen Gesellschaften nicht zu lösen.“ Das hat sich ja durch den Wirbelsturm Katrina in New Orleans gezeigt, einer Herausforderung, der selbst die USA kurzfristig nicht gewachsen waren.

In der Zukunft müssen immer mehr wissenschaftliche Disziplinen bei der Entwicklung einer nachhaltigen Governance-Strategie für Megastädte zusammenarbeiten, Naturwissenschaftler, Soziologen, Politologen, Ökonomen, Umweltwissenschaften, technische Fachrichtungen etc.

Sie sind jetzt gemeinsam gefordert zu analysieren, welchen Regionen und Orten welche Gefahren drohen könnten: „Das ist bis heute noch nicht ausreichend erforscht worden. Bisher hat sich die Wissenschaft vor allem mit den globalen Folgen des Klimawandels befasst und die Gefahrenpotentiale sehr stark aus einer Vogelperspektive betrachtet.“ Nun gehe es darum zu untersuchen, was an einzelnen Stellen zu passieren droht: „Dafür müssen wir die Forschung auf die Regionen und die lokale Ebene herunter brechen, wo der Klimawandel heftig zuschlagen dürfte. Für diese Ebenen – zum Beispiel für den Bereich der Megastädte – benötigen wir konkrete empirische Fallstudien“, betont er. Dieser Prozess hat jetzt, nach 15 bis 20 Jahren wissenschaftlicher Arbeiten zu den weltweiten Auswirkungen des Klimawandels, begonnen: „Wir stehen aber noch am Anfang, in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren muss viel passieren. In Politik und Wissenschaft!“

Gerd Dapprich | 27.02.2009
FernUni-Logo FernUniversität in Hagen, 58084 Hagen, Telefon: +49 2331 987-01, E-Mail: fernuni@fernuni-hagen.de