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März

Die Angst der Mittelschicht vor dem Abstieg

FernUni-Wissenschaftler Prof. Lengfeld: Reale Lage besser als die „gefühlte“

Hat sich die Lage der deutschen Mittelschicht in den letzten Jahren tatsächlich so verschlechtert, wie es häufig prognostiziert wurde und wie viele Mittelschicht-Angehörige befürchten? Prof. Dr. Holger Lengfeld, Ernsting’s family-Lehrstuhl für Soziologische Gegenwartsdiagnosen der FernUniversität in Hagen, kommt zu einem anderen Urteil: „Die ‚gefühlte’ Verschlechterung der sozialen und vor allem ökonomischen Lage ist viel stärker als die objektiv eingetretene. Was sich besonders negativ verändert hat, ist die Stimmung in der Mittelschicht, insbesondere in ihrem mittleren Segment.“

Über Jahrzehnte hinweg galt die Mittelschicht als relativ gut geschützt vor schwankenden Konjunkturen, Strukturwandel, Langzeitarbeitslosigkeit oder Bildungsdefiziten und ihren Folgen. Kurz nach der Jahrtausendwende jedoch wurde die „Krise der Mittelschicht“ ausgerufen. Viele Meinungsführer, auch im Journalismus, sahen sie schrumpfen bzw. „erodieren“, warnten sie vor gesellschaftlichem Abstieg und Wohlstandsverlust. Das Thema breitete sich aus den Medien in die Gesellschaft aus.

Prof. Holger Lengfeld

Tatsächlich ist auch die Mittelschicht heute größeren wirtschaftlichen, vor allem beruflichen Risiken ausgesetzt. Das führt zu stärkerer Verunsicherung der lange gut situierten sozialen Gruppe. Die FernUni-Wissenschaftler Prof. Dr. Holger Lengfeld und Dr. Jochen Hirschle untersuchen, ob die Diagnose, die Mittelschicht zeige verstärkt Abstiegsängste, tatsächlich zutrifft – wenn ja, warum dies so ist und welche Folgen sich daraus für die Gesellschaft ergeben. Haben die Träger und Nutznießer der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der alten Bundesrepublik damit Einstellungen wie zuvor nur die über Jahrzehnte abnehmende Industriearbeiterschaft entwickelt?

Unter Rückgriff auf statistische Analysen mit den Daten des renommierten „Sozio-oekonomischen Panels“ zeigen die Hagener Soziologen, dass sich seit Anfang der 1990er Jahre nicht nur die Mitte, sondern alle Schichten zunehmend vor dem Abstieg sorgen. Am stärksten ist die gefühlte Unsicherheit in der unteren Mittelschicht – einfache Techniker, kleine Vorgesetzte in Industrie und Handwerk sowie Facharbeiter – und bei den ungelernten Arbeitern. Auch die obere Mittelschicht – z.B. Lehrer, akademisch qualifizierte Sachbearbeiter, mittlere Führungspositionen in Industrie, Verwaltung und Handel – sorgt sich zunehmend um die berufliche Zukunft. Die mittlere Mittelschicht ist aber die eigentliche gesellschaftliche Problemzone: In keiner anderen Schicht hat sich die Abstiegsangst derart rasant ausgebreitet wie in der mittleren Mitte.

Bei ihren Untersuchungen kamen die Wissenschaftler der FernUniversität in Hagen zu dem Ergebnis, dass die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts in den letzten zehn Jahren auch vor der Mitte nicht halt gemacht hat. Arbeitsverträge wurden und werden zunehmend auch für öffentlich Bedienstete befristet, Jobs werden in Banken und Versicherungen schon seit langem abgebaut und selbst Ingenieure müssen öfter den Betrieb wechseln, wenn sie ihren Lebensstandard halten wollen.

Allerdings stellen die Soziologen auch fest, dass ein Teil der zunehmenden Verängstigung in der Mitte nicht auf berufliche Veränderungen zurückgeführt werden kann. Sie vermuten, dass die mittlere Mitte genau beobachtet, wie sich unter ihr berufliche Unsicherheit und Armut verfestigen, d.h. wie sich ein „Prekariat“ etabliert, aus dem man, einmal hineingeraten, schwer wieder herauskommt. Allein das Wissen um dieses Prekariat könnte die Furcht vor dem Abstieg verstärken. Prof. Lengfeld: „Objektiv hat sich die Lage der mittleren Mitte in den letzten Jahren nicht dramatisch verschlechtert. Aber die Fallhöhe nach unten ist größer geworden.“

Im Deutschlandradio Kultur hat Prof. Lengfeld hierzu einen Rundfunkvortrag gehalten. Nachzulesen und zu hören ist er unter http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/931830/ (Text) bzw. http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2009/03/11/drk_20090311_0722_a5cf7fe8.mp3 (Podcast).

Der Forschungsbericht „Die Angst der Mittelschicht vor dem Abstieg“ von Holger Lengfeld und Jochen Hirschle erscheint im Herbst in Heft 5/2009 der renommierten „Zeitschrift für Soziologie“. Eine Vorabfassung ist zu lesen unter http://www.fernuni-hagen.de/imperia/md/content/soziologie/soz4/hasg_7.pdf

Gerd Dapprich | 04.03.2009
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