Langweilig und staubtrocken: Dafür halten viele Schülerinnen und Schüler Wissenschaft im Allgemeinen und das Fach Geschichte im Besonderen. Ganz anders sieht es am Hagener Albrecht-Dürer-Gymnasium aus: Mit Unterstützung des Historischen Instituts der FernUniversität in Hagen haben 30 Schülerinnen und Schüler ihre Familiengeschichten aufgearbeitet und dabei heraus gefunden, dass – betrachtet man die letzten Familiengenerationen – 80 Prozent von ihnen einen Migrationshintergrund haben. Einige gingen weit über die vier letzten Generationen Familiengeschichte hinaus, eine Schülerin arbeitete sich bis ins 14. Jahrhundert zurück. Festgehalten wurden die Ergebnisse in einer aufwändigen Powerpoint-Präsentation.
Die Klasse beteiligte sich am wissenschaftlichen Projekt „‚Global – lokal’ – Migration und Identität“ des Historischen Instituts der FernUniversität in Hagen, das von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert wird. Ziel der Kooperation mit dem Albrecht-Dürer-Gymnasium ist es dabei, durch Interviews mit Eltern und Großeltern und der Auswertung von historischen Unterlagen die eigene Familiengeschichte der letzten drei bis vier Generationen aufzuarbeiten. Einigen der Nachwuchsforscherinnen und -forscher machte die Arbeit an dem Thema so viel Spaß, dass sie sich weit über die vier Generationen hinaus in die Vergangenheit vorarbeiteten – sogar bis ins 14. Jahrhundert zurück. Auf der Basis ihrer Ergebnisse erstellten sie Wanderungskarten von Familien – NRW- bis weltweit – und eine multimediale CD-ROM. Mit Begeisterung arbeiteten einige von ihnen bis in die späte Nacht.
Die 30 Nachwuchsforscherinnen und -forscher mit einem Zwischenergebnis ihrer Arbeit: Die Wege der Familien wurden in Landkarten eingezeichnet, so ließen sich Beziehungen zu bestimmten Migrationswellen - wie der Anwerbung von "Gastarbeitern" - herstellen. Angeleitet wurden sie von Lehrerin Monika Groß (vorne re.) und der FernUni-Historikerin Dr. Eva Ochs (dahinter)
Die Oma jetzt mit ganz anderen Augen sehen
Wichtig für die Klasse selbst ist, dass der Zusammenhalt, seit man sich besser kennt, viel besser geworden ist. Vorurteile wurden abgebaut, seit die Schülerinnen und Schüler wissen: „Wir sind alle irgendwie Migranten“, wie Ricarda es ausdrückt, „es kann ja eigentlich kein ‚deutsches Bewusstsein’ geben.“
Vieles „von früher“ hat jetzt auch eine andere Bedeutung, meint Philip. Und: „Ich sehe meine Oma, seit ich von ihrer Flucht nach dem Krieg weiß, mit ganz anderen Augen.“ Sie ist eben nicht nur eine ruhige, besonnene Frau. Sondern sie hat bei der Flucht aus der Ukraine vieles erlebt, was sie auch heute noch bewegt.
Für Dr. Eva Ochs, die für die FernUniversität die wissenschaftliche Arbeit koordiniert, war es „spannend zu sehen, welche Blickwinkel die Schülerinnen und Schüler auf ihre eigene Familiengeschichte haben“. Sie forschten in der eigenen Familie: Wo kommen unsere Eltern und Großeltern her? Wer waren sie? Wie haben sie sich in Hagen gefühlt? Ihre Kinder und Enkel fühlen sich gut hier, keinesfalls als Isolierte, sondern als Deutsche, als Hagenerinnen und Hagener. Und das, obwohl kaum eine Familie immer in dieser Region blieb. Auf die Arbeit, bei die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in Interviews nach der Oral History-Methode selbst zu Wort kommen, hatte die FernUni-Wissenschaftlerin die jungen Menschen während eines zweitägigen Wochenend-Workshops vorbereitet.
Aus den Interviews und Dokumentenauswertungen wurden Stammbäume und Wanderungskarten der Familien, in denen sich auch Zuzugswellen, etwa von Polen und Südeuropa ins Ruhrgebiet, widerspiegeln. Auch eine Bildungsfahrt zum Auswanderungsmuseum in Bremerhaven gehörte zur Vorbereitung.
Geschichtslehrerin Monika Groß unterstrich, dass die Schule vor allem aufgrund einer vorherigen ähnlichen Kooperation mit der FernUniversität Geschichts-Leistungskurse in der Oberstufe eingerichtet hat, so groß ist die Nachfrage nach dem gar nicht so staubtrockenen Fach geworden. Wichtig bei dem laufenden Projekt war es, historisch brisante Themen und Unterlagen – wie z. B. NS-Ariernachweise – vorsichtig zu behandeln: „Alle Schüler mussten selbst entscheiden können, was sie verschweigen oder vertiefen wollten.“
Lebensgeschichtliche Erinnerung im lokalen Raum
In dem von der Robert-Bosch-Stiftung geförderten Projekt „Global – lokal“ arbeitet die FernUniversität mit vier Schulen aus Hagen und zwei aus Lüdenscheid in unterschiedlichen Teilprojekten zusammen. Dabei geht es um Migration und Identität, um Kulturtransfer und lebensgeschichtliche Erinnerung im lokalen Raum. Die Hagener Geschichtswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler wollen dabei mit Lehrenden und 150 Lernenden historische Spuren im eigenen Lebensumfeld suchen.
Das Vorhaben hat nicht nur vom Ansatz her lebensgeschichtlichen Charakter. Alle Teilprojekte nutzen Anknüpfungspunkte in der Alltagsrealität der Schülerinnen und Schüler, um die jeweiligen Themen zu entfalten und zu erschließen. Das kann die eigene Familiengeschichte sein, aber auch diejenige von Personen, die für das persönliche oder das regionale Umfeld von Bedeutung sind oder waren. Es eignen sich aber auch Erfahrungen im Sportverein, Beobachtungen im Familienleben oder in der örtlichen Ernährungskultur. Lernziel ist dabei auch, sich mit den grundlegenden Fragen historischer Quellenkritik auseinanderzusetzen, die sich bei schriftlichen biographischen Quellen, Tagebüchern, Memoiren, bei bildlichen Überresten wie Filmen, Fotographien oder Porträts, aber auch bei so genannten „objektiven“ Quellen wie Kirchenbüchern oder Akten des Standes- bzw. Einwohnermeldeamtes ergeben.
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