Gleich geht's los mit dem Kolloquium: Prof. Dr. Kurt Röttgers, Prof. Dr. Monika Schmitz-Emans, Dr. Andreas Hetzel und PD Dr. Thomas Bedorf (v. li.)
Was mag den beiden Organisatoren des Kolloquiums für den Hagener Philosophen Prof. Dr. Kurt Röttgers wohl bei der Wahl des Titels „In-Zwischen“ durch den Kopf gegangen sein? In seinen einleitenden Worten zu der zweitägigen Veranstaltung versuchte PD Dr. Thomas Bedorf am 4. Juni in der Katholischen Akademie in Schwerte gar nicht erst, eine „auf den Punkt“ gebrachte Erklärung dafür zu liefern, warum er und Volker Schürmann sich diesen Titel einfallen ließen. Denn anders als auf den ersten Blick scheinen mag, sollte keine Bilanz gezogen werden: „Weder wir beide – noch sonst wohl jemand – wird sich ohne Weiteres einen Überblick über das Werk von Kurt Röttgers verschaffen können.“ Es sei wohl überhaupt unangemessen, von einer „Bilanz“ zu sprechen, da der bisherige Leiter des Lehrgebiets Philosophie, insb. Praktische Philosophie der FernUniversität in Hagen keineswegs vorhat, die Forschung einzustellen. Eher sei es angebracht, auf Röttgers’ „fortgeschrittenen Erkenntnisweg“ zu schauen. Die beiden Organisatoren sehen den Titel in erster Linie als Synonym für den englischen Begriff „In between“, „sich dazwischen befinden“: „Denn Zwischeninstanzen charakterisieren das Werk wohl eher.“
Leichter zu definieren war das Ziel der beiden Organisatoren: Jenseits der Ehrung galt es, dem „labyrinthischen Denken von Röttgers“ produktive und bisweilen provokative Anregungen auf den weiteren Weg mit zu geben.
Richtete "einige persönliche Worte" an das Auditorium: Prof. Kurt Röttgers
Mit diesem Kolloquium erfüllten die Organisatoren ebenso wie die Vortragenden, Zuhörenden und Diskutierenden auf jeden Fall einen besonderen Wunsch des Philosophen, der nach seinem 65. Geburtstag am 21. Juli seine universitäre, nicht aber seine wissenschaftliche Laufbahn mit Ablauf des Monats beenden wird. In einigen persönlichen Worten nannte er den bevorstehenden Eintritt in den Ruhestand einen „biografischen Übergang, der nicht radikal ist, sondern, einem historischen Übergang en miniature“ ähnlich, zugleich Bruch und Kontinuität darstellt.
Wie die vorherigen war auch das vierte Kolloquium des Christian-Jakob-Kraus-Instituts für Wirtschafts- und Sozialphilosophie der FernUniversität interdisziplinär angelegt und damit für Kurt Röttgers „der krönende Abschluss einer Bemühung“, die er sein ganzes Berufsleben lang befolgte: das interdisziplinäre Gespräch im Ausgang von der Philosophie. Röttgers: „Für die Studierenden ist dies in der Lehre ein wichtiges Signal, damit sie erfahren, dass Philosophie nicht einfach nur irgendein Fach ist.“
Für ihn war der Titel „In-Zwischen“ (ohne sein Zutun) durchaus glücklich gewählt, insofern er damit einen Kern seiner philosophischen Arbeiten getroffen sieht. Auch in der Zeit nach der FernUniversität wird er an „seinem“ Thema „Kommunikativer Text“ weiterarbeiten, mit dem er bereits in seiner Habilitationsschrift seine Theoriebildung begründet. Röttgers’ schließt sich in seiner Auffassung einem erweiterten Textbegriff an, indem nicht er nur Geschriebenes, sondern alles Kommunizierte umfasst, vor allem gesprochene Sprache.
Die Sinnproduktion im kommunikativen Text lassen sich nach Röttgers in drei Hinsichten entwickeln: den Aspekt des Sozialen, den der Zeit und den des Symbolisch-Normativen. Während die beiden erstgenannten bereits in mehreren seiner Werke behandelt wurden, bleibt mit dem dritten – in dem es um Ethik und Moral geht – eine Aufgabe für das weitere Forscherleben.
Da ein Drittel seiner Philosophie also noch nicht abgeschlossen ist, kann auch keine Bilanz seiner Arbeit gezogen werden, so Thomas Bedorf. Weil das Kolloquium sich an sechs Themenfeldern am Denken und Schreiben von Kurt Röttgers orientieren sollte, ist für ihn weder ein Schlussstrich unter dieser Veranstaltung möglich noch sinnvoll. Vielmehr sollten zwei Referenten zu jedem Röttgers’schen Themenfeld Schlaglichter werfen. So war viel Zeit zur Diskussion eingeplant. Sie wurde von den 30 eingeladenen Freundinnen und Freunden, Kolleginnen und Kollegen, heutigen und ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Röttgers ausgiebig genutzt.
Das Konzept des Kolloquiums, das Referate und Korreferate zu sechs Themenfeldern und Motiven des Röttgers’schen Denkens mit Zeiten ausgiebiger Diskussion verband, entsprach ganz dem systematisch unsystematischen Denken des Philosophen, der Kommunikation als prinzipiell unabschließbar versteht. „Unsystematisch“ heißt weder „beliebig“, noch „unordentlich“. Vielmehr hat sich Röttgers‘ der Auffassung angeschlossen, daß das Denken in Systemen heute nicht mehr möglich sei. So hat er sich ganz bewusst für ein Denken entschieden, das vielleicht am besten als „verlinktes Denken“ zu beschreiben ist: Entspricht dem systematischen Denken die Arbeit am fortlaufenden, geschriebenen Text auf einem zweidimensionalen Blatt Papier, so ist Röttgers’ verlinktes Denken eher mit einer Hypertext-Arbeit zu vergleichen, deren Links in einen quasi dreidimensionalen virtuellen Raum führen. Nicht nur damit hat der Hagener Philosoph die Grenzen der Philosophie erweitert, indem er sie ignoriert. Das erklärt sowohl, dass Röttgers’ Philosophie interdisziplinär sein muß, also auch Argumente anderer Fächer aufnimmt – auf gleicher Augenhöhe. Und so ist auch nachzuvollziehen, dass er sich immer für die Wirkung neuer Medien auf die Kommunikation und ihre Einsatzfähigkeit in der Lehre interessierte, ja sogar zu einem Pionier der Internet-Nutzung an der FernUniversität wurde: So führte er als erster Professor ein Online-Seminar durch.
Der Blick über den fachlichen Tellerrand war Grund dafür, dass an dem philosophischen Kolloquium auch Vertreterinnen und Vertreter von Literaturwissenschaft, Psychologie, Volkswirtschaft und Ethnologie teilnahmen. Zum Beispiel ging es in dem Beitrag der Bochumer Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Monika Schmitz-Emans um das „Geschichtenerzählen“. Die anschließende Diskussion drehte sich um die Frage „Warum erzählen wir Geschichten?“ Röttgers ist der Meinung, dass das Erzählen kleiner Geschichten – die nicht mehr den Anspruch erheben können, wahr zu sein –die Stelle eingenommen hat, die der Metaphysik vorbehalten war, die alles, also „Gott und die Welt“, erklären wollte, seit mindestens 100 Jahren jedoch ihre Attraktionskraft verloren hat. Er diskutierte mit Schmitz-Emans darüber, ob Geschichten „immer gelingen“ und z. B. den Zusammenhalt einer Gruppe stiften können. Die Literaturwissenschaftlerin sieht dies viel skeptischer als der FernUni-Kollege und meint, dass erzählt wird, weil in der Realität der Gruppenzusammenhalt scheitert. Die Diskussion setzte sich später, nach dem psychologischen Beitrag von Prof. Dr. Wolfgang Mack, Hagen, fort mit der Frage „Wie geschlossen ist eigentlich Selbstidentität?“
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