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Juni

„Erfolgsmodell Moral“: Mehr Lebenserfahrung schützt Manager vor moralischer Einseitigkeit

FernUni-Wissenschaftler fordert Ausbildung, die ethische Werte vermittelt

20 Millionen Euro Rentenkapitalisierung für einen Ex-Vorstandschef, der als Steuerbetrüger verurteilt wurde? Ein Konzernlenker klebt am Sessel, obwohl in seiner Amtszeit unzählige Beschäftigte bespitzelt wurden. Millionen-Boni für Manager, deren Banken nur mit Staatshilfe überleben können. Ist das gerecht? Wo bleibt da die Moral? Das sind Fragen, die viele Bürger und Steuerzahler sich stellen. Auch Top-Managerinnen und -Manager? Prof. Dr. Jürgen Weibler von der FernUniversität in Hagen kritisiert: „Viele – keineswegs alle! – Managerinnen und Manager handeln nach der Devise:. Wer die Macht hat bestimmt die Regeln: ‚Gut ist, was mir nützt’.“ Interessen und Intentionen anderer werden nicht wahrgenommen oder sogar bewusst ausgeblendet. Unbefriedigend sei in diesem Zusammenhang auch die Ausbildung zukünftiger Führungskräfte: „Viele haben im Studium und interner Weiterbildung über Ethik nichts erfahren“, kritisiert Prof. Jürgen Weibler.

Prof. Jürgen Weibler, FernUniversität Prof. Jürgen Weibler, FernUniversität

Zunächst einmal müssen Moral und Ethik voneinander abgegrenzt werden: Moral steht für die gesellschaftlich faktisch vorfindbaren Normen, die Ethik fragt dagegen, ob diese Normen begründet werden können. Prof. Weibler: „Moral wird immer dann ins Spiel gebracht, wenn juristische Regeln nicht mehr greifen. Bei ihr geht es um ein freiwilliges Verhalten einer anderen Person, als Ausdruck des eigenen Willens. Auch eine Straßengang hat ihren moralischen Ehrenkodex, aber sicher hält er einer ethischen Überprüfung nicht Stand.“ Die Ethik, die Wissenschaft vom richtigen Handeln, muss die Güte der Moral einer Gesellschaft überprüfen und überdenken: „Kann ich eine gesellschaftliche Norm, etwa nicht einfach zuzuschlagen, logisch begründen?“ Im Gegensatz zu dieser normativen Sichtweise fragt die empirische Sozialforschung: „Wie sind die Vorstellungen in einer Gesellschaft oder einer bestimmten Gruppe?“.

Beim Führungskräftenachwuchs sieht Weibler oftmals nur geringes Interesse an der Thematik: „Viele meinen, Moral und Wirtschaft seien zwei Welten, die nichts miteinander zu tun haben. Eine veraltete Auffassung.“ Im Gegenteil, „die Verantwortungsträger von morgen brauchen ein ganz anderes Denken, bei ihnen muss das Thema ‚Moral’ in die Ausbildung integriert werden, um sie viel stärker mit der Problematik zu konfrontieren.“

In den USA werde darüber bereits seit dem Jahre 2004 immer stärker diskutiert – gerade und auch in den führenden Business Schools. Dennoch: die Ausbildung sei bislang zu einseitig, kritisiert Weibler. Im deutschsprachigen Raum gebe es zwar hervorragende Beispiele der ethischen Reflexion innerhalb der wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung, doch stelle sich die Situation flächendeckend weniger erfreulich dar.“ Das Fach überlasse es bislang mehr der persönlichen Initiative, sich während der Ausbildung damit zu befassen. Da werden nicht genügend Weichen in die richtige Richtung gestellt. Nehmen wir die Werthaltungen junger Führungskräfte. „Es gibt hierzu in den Wirtschaftswissenschaften keine systematische Forschung, die sich kontinuierlich mit diesen Entscheidungsträgern von morgen befasst.“

Allerdings sieht Weibler Anzeichen einer Besserung, wie jüngst durch die Forderung des Deutschen Hochschulverbandes (DHV) zu erkennen, Wissenschaftsgeschichte und Ethik an allen deutschen Universitäten als Pflichtfächer für alle Studiengänge einzuführen. Hinzutreten müsse jedoch die praktische Erfahrung: „Wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können zwar zum Nachdenken über Ethik und Moral anregen, aber ein moralisches Gefühl entwickelt man am besten durch eigenes Erleben in der realen Welt.“ Die Universität stoße hier nämlich an ihre Grenzen, da die handlungsrelevante „emotionale Komponente“ fehle. „Wer Kinderarbeit oder miserabelste Arbeitsbedingungen einmal selbst gesehen und nicht nur darüber gelesen hat, wird weniger vorschnell und weniger gedankenlos seine Entscheidung beim Einkauf von hierfür einschlägigen Produkten treffen.“

Für den Führungskräftenachwuchs eines Unternehmens ergebe sich daraus die Forderung, „die Lebenswelt im Rahmen der Personalentwicklung stärker zu berücksichtigen, um dadurch die Verantwortung des Unternehmens und jedes Einzelnen in der Unternehmung bewusster zu machen“. Beispielsweise wäre ein Schritt neben anderen, für eine begrenzte Zeit „die Seiten“ zu wechseln: Man begreife schneller, wenn man selber praktischen Einblick in die Altenversorgung erhielte, dass man eine solche Organisation nicht nur nach betriebswirtschaftlichen Kennzahlen führen kann, sondern dass deren Wesenszweck bei einer rein ökonomistischen Betrachtung ad absurdum geführt wird“. Weibler: „Mehr Lebenserfahrung schützt vor moralischer Einseitigkeit und damit letztendlich auch vor Fehlentscheidungen, die man nicht selten erst mittel- und langfristig erkenne. „Derartige Dienstleister, die einen Seiten- oder Blickwechsel organisieren, gäbe es für Unternehmen schon am Markt, wenngleich man fairerweise sagen muss, dass eine hinreichende wissenschaftliche Evaluation noch ausstehe.

Letztendlich müsse ein stärkerer Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis in Gang gesetzt werden. Verpflichtende Praktika von Studierenden in NPOs oder universitäre oder handlungspraktische Weiterbildungen von Führungs(nachwuchs)kräften in Sachen selbst- und gesellschaftlich verantwortliches Handeln gingen in die richtige Richtung. Es gelte, was den Erfolg betreffe, allerdings das, was für ihn für eine erfolgreiche Führung im Berufsalltag immer schon gelte: Wer Wege weist, tue gut daran, neben der Überzeugungsarbeit und der Verknüpfung mit positiven Emotionen auch Strukturen und Instrumente bereit zu stellen, die das Handeln in gewünschte Richtung begleiten und forcieren. Hier könne dann wieder auf Managementkenntnisse zurückgegriffen werden, aber diesmal dann mit einer erweiterten Zielsetzung.

Gerd Dapprich | 23.06.2009
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