Warum eigentlich soll man nicht mit seinem Puka zu einer Party gehen, auch wenn dies ein etwa zwei Meter großer weißer Hase ist und niemand anderes ihn sehen kann? Elwood P. Dowd jedenfalls stellt seinen Kumpel dort vor – was ihn selbst fast in die Nervenheilanstalt bringt… Bereits 1951 thematisierte der Hollywood-Film „Mein Freund Harvey“ mit Filmlegende James Stewart als Elwood P. Dowd das Phänomen des „imaginären Gefährten“ bei Erwachsenen. Während die „Erfindung“ von unsichtbaren Freunden bei Kindern ausführlich untersucht worden ist, sieht Prof. Dr. Ingrid Josephs, Lehrgebiet Psychologie des Erwachsenenalters an der FernUniversität in Hagen, erheblichen Forschungsbedarf, wenn es um imaginäre Begleiter von Erwachsenen geht. Hierzu hat an ihrem Lehrgebiet gerade ihre Mitarbeiterin Elena Thanou mit ihrer Dissertation begonnen. Auf die Ergebnisse der Promotionsarbeit sind wahrscheinlich nicht nur die beiden Wissenschaftlerinnen bereits heute gespannt. Denn die Erschaffung von „imaginären Gefährten“ könnte viel häufiger vorkommen, als man gemeinhin annimmt.
Prof. Ingrid Josephs
Bei diesen „Freunden“ handelt es sich nicht um reale Puppen, Teddybären und ähnliches, sondern es sind „Gesprächspartner“, manchmal auch „Seelentröster“, die vor allem Kinder im Vorschulalter erfinden. Und die auch nur sie sehen können. Sie halten ihnen einen Platz am Tisch frei, sprechen mit ihnen zum Erstaunen und manchmal auch zur Sorge der Eltern. Doch verschwinden diese Gefährten nach einer gewissen Zeit von alleine. Sorgen, so Ingrid Josephs, müssen sich die Eltern nicht machen, die Kinder unterscheiden sich von anderen nicht bzw. eher dadurch, dass sie sogar oft gute und sehr gute Kontakte zu Gleichaltrigen haben. Interessanterweise entwickeln sie häufig sogar anschließend besondere Kreativität und Phantasie.
Auch Erwachsenen „erschaffen“ sich selbst Gefährten. Wie häufig es vorkommt, was für Menschen sich „unsichtbare Freunde“ einbilden und wie diese sich verhalten ist – anders als bei kleinen Kindern – aber noch weitgehend unerforscht.
Allerdings ist ein solches Verhalten offensichtlich gar nicht so selten, wie man oft vermutet. Ingrid Josephs verweist in diesem Zusammenhang auf Internet-Communitys oder Rollenspiel-Gemeinschaften: „Es gibt Gruppen, die seit 20 Jahren ‚Das schwarze Auge’ spielen.“ Oder Menschen, die eine „Beziehung“ zu (TV-)Serienfiguren entwickeln, etwa aus Vorabend-„Soaps“.
Ihre Promovendin will untersuchen, warum Erwachsene in einem Spiel in eine bestimmte Rolle schlüpfen. Welche Charakterzüge gibt der Spieler oder die Spielerin ihr? Wird die virtuelle Persönlichkeit mit mehr Mut, Wachsamkeit oder sozialer Kompetenz ausgestattet, als der oder die Spielende sie selbst hat? Ein Beispiel könnte ein schüchterner Mensch sein, der eine dominante Figur schafft und deren Züge wieder für sich selbst übernimmt. Oder spiegeln sie die eigene Persönlichkeit wider?
Ingrid Josephs will der Doktorarbeit nicht vorgreifen, aber sie fragt sich z.B.: „Schaffen sich Erwachsene mit einem ‚unsichtbaren Gefährten’ ihr eigenes Vorbild, eine Figur, die so ist, wie sie gerne wären? Und versuchen sie dann, diesem Vorbild näher zu kommen?“ Auf die Ergebnisse ihrer Mitarbeiterin ist die Professorin jedenfalls selbst höchst gespannt. Sie hofft, dass bereits im Sommer erste Zwischenergebnisse vorliegen.
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