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Ansturm auf erste Bürgeruniversität in Coesfeld: Die FernUniversität stillte den Bildungshunger

Privat, beruflich und ehrenamtlich Interessierte - Alle Termine ausgebucht

Die Ergebnisse der Gruppenarbeiten wurden im Plenum vorgestellt

Geradezu einen Ansturm Bildungshungriger erlebten die Organisatoren der ersten „Coesfelder Bürgeruniversität“ der FernUniversität, die am 26. Januar im Studienzentrum im WBK – Wissen Bildung Kultur stattfand: Zu der auf 20 Teilnehmende begrenzten Veranstaltung „Einmal unten - immer unten? Chancengleichheit in Deutschland“ von Prof. Dr. Holger Lengfeld, Ernsting’s family-Stiftungsprofessur für Soziologische Gegenwartsdiagnosen der FernUniversität, hatten sich vorab 60 Interessierte angemeldet. Daher wird es bereits zu dem ersten Thema mindestens eine Folgeveranstaltung für die nicht Berücksichtigten geben.

Für die Teilnehmenden aller Altersgruppen aus Coesfeld und weit darüber hinaus jedenfalls waren die über vier Stunden ein Gewinn: „Eine runde Sache… Sehr gut investierte Zeit… Das hat mich sehr zum Nachdenken bewegt…“ waren sich alle am Schluss einig. Die meisten kamen aus beruflichem, ehrenamtlichem oder privatem Interesse: in der Erwachsenenbildung Tätige, sozial Engagierte, Lehrer und Lehrerinnen, Unternehmer und Selbstständige, Politikerinnen und Politiker, FernUni-Studierende. Andere waren „einfach nur neugierig“. Ebenso bunt gemischt waren die Lebenserfahrungen, die sie einbringen konnten.

Prof. Lengfeld zeigte sich glücklich, dass dieses Angebot der Ernsting’s family-Stiftungsprofessur auf ein solches Interesse stieß: „Nun wissen wir, dass die Menschen in Coesfeld und im ganzen Münsterland großes Interesse an Bildung auf wissenschaftlichem Niveau haben.“ Die Begrenzung der Teilnehmerzahl „ist für die Qualität der Arbeit in den Einzelgruppen leider notwendig“. Denn nach dem gut verständlichen Vortrag seines Mitarbeiters Dr. Jochen Hirschle bearbeiteten die 20 Damen und Herren in vier Gruppen einzelne Fragestellungen. Die Vorstellung der Ergebnisse begleitete gab Prof. Lengfeld mit zusätzlichen Informationen und Erläuterungen zum Stand der Forschung.

Die beiden Soziologen zeigten auf, „was wir in der Forschung zur Chancengleichheit in Deutschland wissen und wie Wissenschaft funktioniert.“ So müssen erst einmal Definitionen und Abgrenzungen gefunden werden, bestimmten Sachverhalten kann man sich nur nähern. Hirschle „Wenn sich jemand in Deutschland etwas so Normales wie einen Kühlschrank nicht leisten kann ist dies möglicherweise in Indiz für Armut.“ Wom also fängt Armut an? Das hängt vom monatlichen Bedarf, den ein Haushalt in Deutschland hat, ab: Das „bedarfsgewichtete Nettoeinkommen“ orientiert sich nicht nur an der Anzahl der Personen, sondern auch von der Zusammensetzung nach Erwachsenen und Kindern. Ein Haushalt, dessen Nettoeinkommen 50 Prozent dieses Betrages erreicht, gilt als arm.

Diese Armutsgrenze ist ein gesellschaftlicher Konsens und hat – wie vieles – mit der Realität im Einzelfall oft nichts zu tun. Die Wissenschaft betrachtet das Gesamtthema aus der Vogelperspektive, sie kann so gesamtgesellschaftliche Entwicklungen erkennen, analysieren und mit anderen vergleichen. Die „Froschperspektive“ des Einzelnen dagegen sieht nur einen kleinen Ausschnitt des Ganzen.

Árbeitete engagiert während der ganzen Veranstaltung mit: Coesfelds Bürgermeister Heinz Öhmann (Mitte)

Kann man Armut noch einigermaßen mit Zahlen fassen so ist dies mit der Chancengleichheit viel schwieriger: Dabei geht es um Geld, aber auch darum, ob Einzelne sich gerecht behandelt fühlen. Wichtig ist u. a. soziale Herkunft: Beamtenkinder studieren z. B. prozentual sehr viel häufiger als Arbeiterkinder. Je höher die Bildung ist desto höher ist wahrscheinlich die Leistungsfähigkeit. Hierfür mehr Geld zu verdienen empfinden die meisten Menschen als gerecht. Doch viele sind durch ihre aktuellen Lebensumstände daran gehindert. Besonders armutsgefährdet sind alleinerziehende Mütter mit mehreren kleineren Kindern.

Solche und viele andere Zusammenhänge aufzuzeigen und anhand aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen einen Einblick in die gesellschaftliche Welt von heute und morgen zu geben ist das Ziel der Bürgeruniversität. Diese Seminarreihe richtet sich an jeden im gesamten Münsterland, der an gesellschaftlichen Problemen und den Beiträgen zu ihrer Lösung interessiert ist. Coesfelds Bürgermeister Heinz Öhmann, der die ganze Zeit aktiv teilnahm, freute sich jedenfalls, „dass eine solche universitäre Veranstaltung auch bei uns stattfindet“.

Gerd Dapprich | 05.03.2008
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