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Wissenschaft verständlich gemacht: Für Bildung strengen sich viele freiwillig an

BürgerUniversität Coesfeld: Menschen strömen in Vorlesungen und Seminare

„Wir hätten nie gedacht, welchen Erfolg wir mit einer wissenschaftlichen Veranstaltungsreihe in einer Region ohne akademische Tradition erzielen würden!“ Das beweist Prof. Dr. Holger Lengfeld, FernUniversität in Hagen, wie aufgeschlossen die Menschen gegenüber Forschung sind, wenn ihnen die Ergebnisse so nahe gebracht werden, dass sie sie verstehen und für sich anwenden können. Im münsterländischen Coesfeld hat der Hagener Professor eine Veranstaltungsform etabliert, die wohl einmalig ist in Deutschland: Er vermittelt Laien soziologische Forschungsergebnisse auf wissenschaftlichem Niveau, aber allgemein verständlich. Die Teilnehmerzahlen zeigen: Die Menschen in Coesfeld und Umgebung sind offensichtlich ganz begierig auf Wissenschaft, wenn sie sie nur verstehen können.

Ende 2006 wurde der Berliner Wissenschaftler auf die Stiftungsprofessur für soziologische Gegenwartsdiagnosen an der FernUniversität in Hagen berufen, für die das Coesfelder Unternehmen EHG Service GmbH – Muttergesellschaft der Ernsting’s family GmbH & Co KG – finanzielle Mittel zur Verfügung stellt. Dafür sollen die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeit auch der Stadt und der Region Coesfeld zugute kommen.

Also haben die FernUni-Wissenschaftler zwei Veranstaltungsreihen für interessierte Laien entwickelt. Dabei gingen sie von der Annahme aus, dass Menschen wissen möchten, was sich in der Gesellschaft tut, wie die Zukunft aussehen könnte, welche Probleme es gibt, wie sich diese entwickeln und wie man sie lösen kann: „Menschen interessieren sich für größere Zusammenhänge“, weiß der Soziologe.

Zunächst bot das Lehrgebiet in Coesfeld Vorlesungen mit Themen an, die die Gesellschaft bewegen: Chancengleichheit, Bildung und Schule, das Zusammenwachsen Europas. 150 Interessierte kamen zur ersten Veranstaltung ins Coesfelder WBK – Wissen Bildung Kultur. Doch dann sanken die Teilnehmerzahlen rapide, trotz spannender Themen. Gerade deshalb wurde noch eine zweite Veranstaltungsreihe „BürgerUniversität Coesfeld“ eingeführt: Seminare, in denen Bürgerinnen und Bürger unter wissenschaftlicher Anleitung einen halben Tag lang Themen zur Entwicklung der Gesellschaft aufarbeiten. Ziel war, Menschen anzusprechen, die ohne besondere Vorkenntnisse an wissenschaftlichen Erkenntnissen zu aktuellen gesellschaftlichen Themen und Problemen interessiert sind. Lengfeld: „Wir vermitteln Forschungsergebnisse so, dass ‚normale Menschen’ sie verstehen können.“ Einzige Voraussetzung: Sie müssen bereit zur aktiven Mitarbeit sein. Die Teilnahme an den Seminaren (und ebenso an den Vorlesungen) ist kostenfrei.

Die Nachfrage übertraf alle Erwartungen: Jedes der bisherigen Seminare war „überbucht“, zum ersten meldeten sich 60 Interessierte an. „Die Seminare sind viel lebendiger als Veranstaltungen mit Studierenden an Präsenz-Universitäten gemeinhin“, vergleicht Lengfeld, „die inhaltliche Resonanz ist hervorragend“. Auch der Begriff „BürgerUniversität“ wurde bestens angenommen.

Interessanterweise wirkte sich dieser Erfolg auch auf die Vorlesungen aus: Weit über 100 Teilnehmende wurden zuletzt gezählt, auch durch Mund-zu-Mund-Propaganda.

Beide Reihen, Seminare und Vorlesungen, firmieren ab dem Wintersemester 2008/2009 unter der Bezeichnung „Die Zukunft der Gesellschaft – die neue BürgerUniversität Coesfeld“. Das betont den universitären Eindruck.

„Unser Konzept kommt offensichtlich in dieser 35.000-Einwohner-Stadt an, die kein Hochschulstandort ist“, erläutert Holger Lengfeld. Es kommen Frauen wie Männer, die meisten älter als 45 Jahre. Viele haben beruflich in irgendeiner Weise mit sozialen Problemen zu tun – Angestellte im Sozialamt, Lehrende, Mitarbeitende von Stadt und Kreis, Hausfrauen und Rentner. Wichtiger Bestandteil aller Veranstaltungen sind die regen Diskussionen. Vieles, was in der Gesellschaft passiert, sehen die Teilnehmenden dann in einem anderen Licht: „Die Menschen glauben an die Wissenschaft und an die Wissenschaftler.“ Das ist für Lengfeld aber auch eine besondere Bestätigung seiner Verpflichtung: „Wir müssen das ernst nehmen und ehrlich sagen, wenn wir etwas nicht wissen.“

Festgestellt hat das FernUni-Team, dass die meisten mindestens einen mittleren Schulabschluss haben: „Bildung schafft Interesse an mehr Wissen.“ Für einige Teilnehmende sind die Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit dem Studienzentrum Coesfeld der FernUniversität sogar schon stetige Treffpunkte geworden.

Eine der BürgerUni vergleichbare Veranstaltung kennt Lengfeld nicht. Nur ihre beiden Veranstaltungsreihen vermitteln einer breiten Laien-Zielgruppe in einem universitären Umfeld außerhalb einer Hochschule allgemein verständlich Forschungsergebnisse und erläutern, wie Wissenschaft funktioniert. Damit kommen die Vortragenden in Kontakt mit den Menschen und machen Werbung für die Wissenschaft an sich. Wissenschaft selbst weckt hier Interesse: „Dafür strengen sich Menschen an – denn Bildung ist Arbeit!“

Umso mehr freut Lengfeld sich über das Engagement von Kolleginnen und Kollegen aus der eigenen wie auch aus anderen Disziplinen der FernUniversität, die in Coesfeld Vorlesungen halten und Seminare leiten: „Aus innerer Überzeugung, dass es wichtig ist, Menschen Wissenschaft näher zu bringen.“ Für ihn selbst sind „die Reaktionen der Teilnehmenden und der Kollegenzuspruch eine Bereicherung.“

In einer Stadt ohne wissenschaftliche Tradition opfern Bürgerinnen und Bürger ihre freie Zeit, um wissenschaftlich zu arbeiten

Wissenschaft in der Provinz: Ein Modell für Deutschland?

Als Hindernis für weitere und ähnliche Aktivitäten sieht Lengfeld jedoch, dass es „keine Anreize dafür gibt, solche Veranstaltungen durchzuführen – sie gehören nicht zu den Dienstaufgaben von Professorinnen und Professoren“. Man kann damit kaum etwas für sein eigenes wissenschaftliches Renommee tun. Angesichts der zunehmenden bürokratischen und Managementaufgaben nehmen nur wenige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine solche zusätzliche Belastung auf sich.

Eine Veranstaltungsreihe wie die BürgerUniversität kann nach Lengfelds Meinung nur zusätzlich zu den originären wissenschaftlichen Aufgaben realisiert werden. Dafür müssen Mittel und Personal bereit gestellt werden, durch Stiftungsprofessuren am besten: „Die Ressourcen können nur aus der Gesellschaft kommen, sie muss zur Förderung bereit sein.“ Etwa, wenn ein Sponsor oder Mäzen mehr über die Gesellschaft erfahren will. Den Stifter seiner Professur interessiert besonders, woran sich die Menschen in einer Zeit orientieren, in der Sinnsysteme fraglich geworden sind: Kann man Tendenzen aufspüren, wie Menschen in der Zukunft zusammenleben? Werden sie sich für ihre Gesellschaft engagieren? Lengfeld ist sicher, dass „auch andere Stifter mehr über die Welt und die Gesellschaft erforscht haben wollen“.

Das Gesamtprogramm der BürgerUni Coesfeld im Wintersemester 2008/2009 ist zu finden unter http://www.fernuni-hagen.de/imperia/md/content/presse/medieninformationen/flyer_programm_b__rgeruni_ws08_09.pdf

Gerd Dapprich | 02.09.2008
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