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RAF-Terror in Deutschland – wie war das eigentlich damals…?

Wissenschaftler und Zeitzeuge: Ein Interview mit Prof. Peter Brandt

Er ist umstritten wie nur wenige Produktionen der jüngeren deutschen Filmgeschichte: Basierend auf der Dokumentation des Ex-Spiegel-Chefredakteurs Stefan Aust zeichnet der „Baader Meinhof Komplex“ die Entstehung, Entwicklung und Taten der Führung der Roten Armee Fraktion (RAF) nach – der Terrororganisation, die die Bundesrepublik Deutschland von 1970 bis 1994 immer wieder in Angst und Schrecken versetzte und deren Attentaten zahlreiche Menschen zum Opfer fielen.

Ich frage einen Zeitzeugen nach seiner Meinung. Nicht nur zu dem Film, den wir beide gesehen haben. Mich interessiert auch, wie er die Zeit des Terrors in Deutschland erlebt hat. Prof. Dr. Peter Brandt ist heute 60 Jahre alt und Leiter des Lehrgebiets Deutsche und Europäische Geschichte am Historischen Institut der FernUniversität in Hagen. Die Anfänge der RAF hat er als Student und junger Wissenschaftler in Berlin erlebt. Ich wurde 1977 geboren. Im Jahr des so genannten „Deutschen Herbstes“, das mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer die wohl brutalste Zeit der RAF einläutete. Ich wollte wissen:


Prof. Brandt, waren Sie in Ihrer Studentenzeit politisch aktiv?

Brandt: Ja, ich war in den Jahren um 1970 in einer trotzkistischen Organisation, danach im offeneren Sozialistischen Büro – ziemlich weit links stehende Gruppierungen, die sich die angestrebte Veränderung auf dem Weg realer Massenbewegungen der Lohnabhängigen vorstellten und wilde Konfrontationsstrategien abgehobener kleiner Gruppen ablehnten.

Wie standen Sie zur RAF?

Brandt: Für mich war deren Vorgehen politisch völlig absurd und auch sehr gefährlich. Ich sah die Gefahr, dass deren bewaffnete Provokationsstrategie zu der Illegalisierung viel breiterer Segmente der Gesellschaft führen und letzten Endes einen großen Schaden über alles, was links von der SPD-Mehrheitslinie stand, bringen konnte. Meine politischen Freunde sahen das ähnlich.

Der Film zeigt die Niederschlagung der Studentenproteste gegen den Staatsbesuch des persischen Schahs. War dies das auslösende Moment für die Entstehung der RAF?

Brandt: Ich denke, der Film will nicht sagen, dass sich die RAF direkt aus dem 2. Juni 1967 ergeben hat. Diese Szene soll wohl eher die Art des Umgangs mit der frühen Protestbewegung zeigen. Bis zur Gründung der RAF gab es aber noch etliche Zwischenstufen, ohne zwangsläufige Abfolge.

Für einen jungen Menschen ohne Hintergrundwissen fehlen diese Zwischenstufen.

Brandt: Das ist richtig! Einzelne Situationen schildert der Film sehr eindringlich und keineswegs verharmlosend. Die zunehmende Brutalisierung des bewaffneten Kampfes der RAF gegen den Staat und seine Repräsentanten wird nicht beschönigt. Aber es wird nicht klar, in welchem gesellschaftlich-politischen Umfeld sich das Ganze vollzieht. Einmal wird der Regierungswechsel angesprochen, aber…

…aufgegriffen werden in schneller Abfolge nur einzelne Schlaglichter.

Filmplakat Einer der wohl umstrittensten Filme der jüngeren deutschen Filmgeschichte: "Der Baader Meinhof Komplex" (Bild: Constantin Film AG)

Brandt: Ja, für jemanden der kein Wissen über diese Zeit hat, ist der Film eher ein eindrucksvoller Action-Film. Ich sage das völlig wertfrei, denn gründliche Aufklärung kann ein solcher Spielfilm nicht leisten. Ich finde aber, dass er auf der Ebene der künstlerischen Verarbeitung gelungen ist. Die Charaktere sind realistisch dargestellt.

Kannten Sie einzelne RAF-Mitglieder persönlich?

Brandt: Nur Jan-Carl Raspe, er war einer der Terroristen, die sich nach der geglückten Befreiung der Lufthansa-Maschine Landshut umgebracht haben. Lange bevor er in die RAF geriet, haben wir uns einige Male bei Versammlungen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes getroffen. Er war Student und ich noch Gymnasiast. Auf mich machte er einen sehr bescheidenen und eigentlich angenehmen Eindruck. Es ist natürlich besonders erschütternd, eine derartige Entwicklung eines Menschen zu sehen, den man selbst kannte. Von Andreas Baader weiß ich, dass er von den Linken nicht ganz ernst genommen wurde. Seine Mentalität kommt in dem Film ja auch ganz gut raus. Er war wohl eher so etwas wie ein exzessiver Polit-Rocker.

Wie beurteilen Sie die Reaktion der Bundesregierung auf die RAF? Gab es einen Punkt an dem sie der zunehmenden Brutalisierung noch hätte entgegenwirken können?

Brandt: Um ganz ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Wenn eine kleine bewaffnete Gruppe dem Staat den Krieg erklärt, dann kann keine Regierung zusehen und sagen „wir wollen uns mal freundlich unterhalten“. Die Argumentation der BRD-Autoritäten war ja: Die RAF ist kein politisches Phänomen, wir behandeln ihre Taten als Gewaltkriminalität. Die Mitglieder sollten demnach nicht wegen ihrer politischen Gesinnung, sondern für ihre Taten verurteilt werden. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass es einen politischen Kontext für die Taten gab. Bei jeder Straftat fragt man auch nach Motiven. Ob die sich letztendlich mildernd auswirken, ist dann eine andere Frage. Im Film stellt sich Bruno Ganz als Horst Herold, damals Chef des Bundeskriminalamtes, die Frage nach den Motiven.

Er ist im Film auf Seiten der staatlichen Autoritäten übrigens der Einzige, der sich diese Frage stellt!

Brandt: Ja, es wird deutlich, dass er gründlicher und flexibler dachte als viele andere. Er wollte eben die RAF wirklich bekämpfen und sich nicht selbst blind machen durch wütende Abwehr.

Ihr Vater war von 1969 bis 1974 Bundeskanzler. Haben Sie mit ihm über die RAF diskutiert?

Natürlich war ich gelegentlich zu Besuch in Bonn, großartig diskutiert haben wir über die RAF aber kaum; wir lagen da in unserer Meinung nicht weit auseinander. Er ging besonnen mit dem Phänomen RAF um. Sein Standpunkt war, dass der Staat angemessen deutlich darauf reagieren müsse. Er hat aber nie versucht, die Hysterie weiter anzuheizen, wie es auch viele Spitzenpolitiker taten, um politisch davon zu profitieren.

Wie lässt sich die Stimmung innerhalb der BRD damals beschreiben?

Brandt: Die RAF hat es immer wieder geschafft, Panik auszulösen. Nicht permanent die ganzen 70er Jahre hindurch, aber immer mal wieder. Es gab zum Beispiel eine völlig verrückte Sympathisantendiskussion. Sympathisant war am Ende schon jeder, der sich nicht in derselben Art und Weise zu der RAF äußerte wie die BILD-Zeitung oder die WELT. Wer die Haftbedingungen kritisierte, unter denen die Terroristen einsaßen, machte sich verdächtig. Da wurden bisweilen alle Grenzen verwischt.

Wie beurteilen Sie die Auswirkungen der RAF auf die innenpolitische Situation?

Sie hat den Staat eindeutig zu verschärfenden Maßnahmen provoziert, das war bis zu einem gewissen Grad beabsichtigt. Die Idee war, dem Staat die „liberale Maske“ zu entreißen, damit er sein vermeintlich faschistisches Gesicht zeige. Wirklich gefährdet war der Staat in seiner inneren Sicherheit nicht. Er war aber in einer Situation, die ihn immer wieder in Lagen der Hilflosigkeit brachte.

Sehen Sie in Deutschland langfristige Auswirkungen der Terrorzeit durch die RAF?

In der Weimarer Republik gab es in der politischen Auseinandersetzung individuellen Terror, damals von rechts, in der frühen Bundesrepublik nicht. Der polizeiliche Aspekt des staatlichen Lebens ist mit den Ereignissen der 70er Jahre somit stärker hervorgetreten. Andererseits muss man sagen, dass der Rechtsstaat und die politische Ordnung der Bundesrepublik daraus erstaunlich unbeschädigt hervorgegangen sind. Mit der Entfaltung der neuen sozialen Bewegungen und der Erweiterung des Parteinsystems sind die partizipatorischen Möglichkeiten dann sogar deutlich größer geworden. Auch insofern haben die Täter letzten Endes relativ wenig bewirkt.

Manuela Feldkamp | 02.12.2008
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