Rubriken

FernUni-News - Berichte

Demokratisches Regieren im Vergleich

Antrittsvorlesung von Prof. Michael Stoiber

Aufstände in Ägypten, Tunesien und Libyen. Die vergangenen Monate haben gezeigt: Das Thema demokratisches Regieren ist hoch aktuell und brisant. „Wie sieht es mit der Demokratisierung weltweit aus? Gibt es irgendwann nur noch Demokratien?“, begann Prof. Dr. Michael Stoiber, seit dem 1. Oktober Leiter des Lehrgebiets Vergleichende Politikwissenschaft an der FernUniversität in Hagen, am 13. April seine Antrittsvorlesung. Zuvor hatte der Dekan der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften Prof. Dr. Theo Bastiaens den neuen Kollegen in einleitenden Worten vorgestellt.

Demokratisches Regieren ist ein spannendes Thema – nicht nur in Nordafrika. Die Demonstrationen rund um Stuttgart 21 zeigen: Im Westen sind die Menschen ebenfalls politisch aktiv. „Es kommt jedoch auch immer wieder zu demokratischen Qualitätsverlusten“, erklärte Stoiber. Für demokratisches Regieren stellen Veränderungen auf allen Ebenen immer wieder Herausforderungen dar. Egal ob im überstaatlichen Raum durch internationale Regime und Organisationen oder durch wirtschaftliche oder demographische Veränderungen innerhalb eines Nationalstaats.

Analyse von demokratischem Regieren durch die Methode des Vergleichs

Daher ist es wichtig diese Regierungsform zu analysieren. „Dafür benutzen wir die Methode des Vergleichs.“ Aber wie soll unterschiedliches demokratisches Regieren miteinander verglichen werden – Äpfel und Birnen kann man schließlich auch nicht miteinander vergleichen. „Doch kann man“, weiß Stoiber. Man braucht nur entsprechende Kriterien, beispielsweise die Süße. Ähnlich verhält es sich auch beim demokratischen Regieren. „Durch ein Theorie und Kriterien geleitetes komparatives Vorgehen können wir die Regierungsformen verschiedener Länder miteinander vergleichen.“ Das Ziel des Vergleichs sind verallgemeinerungsfähige Erkenntnisse: „Es steigt das Wissen über kausale Zusammenhänge. So können wir bis zu einem gewissen Maß Prognosen über die Entwicklungen in den jeweiligen Ländern abgeben.“ Eine Methode, die auch für die Studierenden im Bacherlorstudiengang Politik- und Verwaltungswissenschaft sowie im Masterstudiengang Governance wichtig ist.

Aber was heißt überhaupt demokratisches Regieren? Stoiber zitierte in der Antrittsvorlesung die Definition seiner Darmstädter Kollegin Prof. Dr. Michèle Knodt: Demokratisches Regieren ist die „innerhalb eines institutionalisierten Kontextes ablaufende Koordination und Kooperation des Willens selbstbestimmter Akteure im Hinblick auf eine verbindliche Entscheidung über Eingriffe zur Gestaltung gesellschaftlicher Zustände.“ Eine Definition, in der eins deutlich wird: Die einzelnen Akteure prägen die kollektive Entscheidung. Stoiber: „Dass Phänomene auf der Makroebene durch das Verhalten der Akteure auf der Mikroebene erklärt werden können, ist so etwas wie mein Mantra.“ Ein entsprechendes Modell von James Samuel Coleman ist daher ein zentrales Werkzeug in seiner Forschung.

Forschungsprojekt in Lateinamerika

In einem Forschungsprojekt, das Stoiber in seiner Antrittsvorlesung vorstellte, befasst er sich mit den Regierungsformen in Lateinamerika. Die Länder dort zeichnen sich durch gesellschaftliche und sozioökonomische Ungleichheit aus. So gibt es dort in der Bevölkerung zahlreiche ethnische Unterschiede, einen hohen indigenen Anteil, das heißt viele Ureinwohner, die sich als eigenständiges Volk verstehen – oder auch einen hohen Gini-Index, der die Ungleichverteilung von Reichtum und Vermögen zeigt. Das Forschungsinteresse Stoibers besteht nun darin, herauszufinden, inwiefern sich der unterschiedliche Umgang mit gesellschaftlicher und sozialer Heterogenität in den einzelnen Ländern auf die demokratische Qualität und Stabilität auswirkt.

„Für Bolivien, Ecuador, Kolumbien und Peru haben wir bereits erste Ergebnisse“, erläuterte der Politikprofessor. In Peru gibt es eine stabile Demokratie, wohingegen in den anderen drei Ländern, insbesondere in Bolivien und Ecuador Probleme mit der demokratischen Stabilität drohen. Der Ist-Stand ist für diese vier Länder soweit erfasst. Damit ist das Projekt jedoch noch lange nicht beendet: „Wir möchten noch herausfinden, warum die Prozesse so unterschiedlich verlaufen. Beispielsweise wollen wir verstehen, warum in manchen Ländern die indigene Bevölkerung politisch aktiv ist und in anderen nicht. Dafür müssen wir mit unseren Untersuchungen auf die Mikroebene gehen.“ Zudem soll das Forschungsprojekt auf alle weiteren lateinamerikanischen Staaten ausgeweitet werden, wie Stoiber in seiner Antrittsvorlesung ankündigte.

Carina Grewe | 15.06.2011
FernUni-Logo FernUniversität in Hagen, 58084 Hagen, Telefon: +49 2331 987-01, E-Mail: fernuni@fernuni-hagen.de