Die Verwendung von Biomasse als Kraftstoff und Energielieferant ist zurzeit vieldiskutiertes Thema. Während einige sich bereits einen großen Schritt näher an einer Unabhängigkeit von Erdöl und Erdgas sehen, warnen andere vor knapper werdenden Ressourcen und steigenden Lebensmittelpreisen.
Prof. Georg Simonis
Biomasse bezeichnet die Gesamtheit der Masse an organischem Material in einem definierten Öko-System. Gemeint sind vor allem Pflanzen, aber auch die Ausscheidungen von Tieren. Pflanzen wie Raps, Weizen oder Mais werden mittlerweile gleichzeitig in der Lebensmittelindustrie und als Rohstoffe für Biokraftstoffe verwendet. Der steigende Bedarf verteuert diese Pflanzen erheblich, was höhere Lebensmittelpreise zur Folge haben dürfte.
„Diese Szenarien machen das Thema Biomasse für die Politikwissenschaft interessant“, findet Prof. Dr. Georg Simonis, Leiter des Lehrgebiets Internationale Konflikte und Umweltpolitik im Institut für Politikwissenschaft an der FernUniversität in Hagen. „Mich interessieren vor allem die Konflikte auf nationaler und internationaler Ebene, die rund ums Thema Biomasse entstehen, und ihr Einfluss auf die Steuerungs- und Regelungsmechanismen der Politik, d. h. auf die so genannten Governance-Strukturen.“ Solche Konflikte können z.B. zwischen Industrie- und Entwicklungsländern oder einzelnen Staaten innerhalb der Europäischen Union (EU) entstehen.
Die Konfliktlage hat sich in letzter Zeit stark verändert. Nutzpflanzen für die Lebensmittelproduktion sind auch als Energielieferanten entdeckt worden. Bisher kauften Staaten überschüssige Agrargüter auf dem Weltmarkt ein, um die Preise zu regulieren. Jetzt nehmen diese Lager ab. Auch ein schnelles Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum wie das in China sorgt für einen erhöhten Bedarf, Missernten verknappen die Ressourcen zusätzlich. Das sorgt unweigerlich für steigende Preise. „Dies wiederum belastet die einkommensschwachen Teile einer Bevölkerung und führt zu Konflikten zwischen reichen und ärmeren Ländern“, erklärt Simonis. Wenn in den Industriestaaten eine Ressourcen-Knappheit vorherrscht, importieren sie Rohstoffe aus Entwicklungsländern – die dort für die Lebensmittelproduktion fehlen. „Es ist schwer nachzuvollziehen, warum Menschen in Entwicklungsländern hungern sollen, nur damit die Reichen Auto fahren können.“
Auch für die Politik eines Landes hat solch eine Entwicklung Auswirkungen: „Das Regelwerk der Steuerung der Biomasse-Produktion ändert sich – und somit auch die Governance-Strukturen.“
Ein wichtiges Steuerungsinstrument für die Produktion von Biomasse ist u. a. die staatliche und EU-weite Subventionspolitik mit ihren verschiedenen Förderstrategien. „Momentan gibt es dabei ein großes Chaos in der EU“, kritisiert Simonis, „sinnvoll wäre Einheitlichkeit.“ Als Beispiel nennt er die EU-Vorgabe, dem Benzin etwa 5 Prozent Biokraftstoffe beizumischen. Wie dies passieren soll, ist jedem Land selbst überlassen. Einige Länder haben zudem gar nicht die Rohstoffe dafür und müssen Biomasse importieren, was wiederum den Konflikt mit den Entwicklungsländern verschärft. „Biomasse soll als Kraftstoff, zur Stromerzeugung und als Wärmelieferant eingesetzt werden. So viel Biomasse gibt es gar nicht“, stellt Prof. Simonis klar. „Es geht in der Forschung also auch darum, die Rationalität solcher Förderstrategien zu hinterfragen.“
Ein weiteres Problem bei der Untersuchung von Governance-Strukturen ist, dass es für viele Bereiche des komplexen Themenfeldes Biomasse noch gar keine Steuerungs- und Regelungssysteme gibt. Die World Trade Organisation regelt zwar den Handelsbereich, doch klare Umweltstandards für die Produktion von Biomasse gibt es noch nicht. Es ist unklar, ob und wie viele Pestizide auf den Feldern eingesetzt oder ob auch gentechnisch veränderte Pflanzen für die Produktion verwendet werden dürfen.
Auch der Wissenstransfer von der Wissenschaft in die Politik funktioniert noch nicht optimal. Weitgehend ungeklärt ist z. B. der Umgang mit der Politikberatung, also wie für langfristige, politische Entscheidungen wichtiges Wissen an die relevanten Entscheidungsträger herangetragen werden kann. Erst wenn die Politik ihrerseits bei bestimmten Themen, Missständen oder Problemen einen Handlungsbedarf erkennt, kommt es zu Regelungen.
Georg Simonis fordert eine flexible politische Steuerung und längerfristige Perspektiven bei politischen Entscheidungen. „Hierin bestehen auch die Herausforderungen für den Aufbau von Governance-Strukturen. Sie müssen möglichst effizient und effektiv organisiert werden.“
Mit der Industrie verläuft der Wissenstransfer reibungsloser. Das Thema Biomasse ist ein wichtiger Bestandteil des interdisziplinären Fernstudiums Umweltwissenschaften (infernum, http://www.umweltwissenschaften.de/). In praxisnahen Abschlussarbeiten haben sich bereits einige Studierende mit dem Thema Biomasse auseinandergesetzt, woraus konkrete Projekte hervor gegangen sind.
Für ein „Allheilmittel zur Lösung unserer Energieprobleme“ hält Prof. Simonis die Biomasse letztlich nicht. „Sie wird einen substantiellen Beitrag leisten – aber wie genau, weiß noch niemand.“
FernUniversität in Hagen, 58084 Hagen, Telefon: +49 2331 987-01, E-Mail: fernuni@fernuni-hagen.de