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Ob mit „Bärenführer“ oder Frau und Freunden: Auch ein „Schimanski“ muss mal reden

Hauptkommissar Wendtland promovierte über Berufsstress von Polizisten

Polizeihauptkommissar Dr. Matthias Wendtland ist der vielleicht einzige promovierte Dienstgruppenleiter in einer Einsatzleitstelle (in Lippe)

Wie bewältigen Polizeibeamte besonders belastende Berufssituationen? Welche Strategien entwickeln sie, mit wem sprechen sie über das, was sie bewegt? Diesen Fragen ist Matthias Wendtland nachgegangen, als er an der FernUniversität in Hagen parallel zu seinem Beruf als Polizeihauptkommissar promovierte. Grundlage seiner Dissertation „Polizisten und berufliche Belastungen“ war eine „empirische Untersuchung zu Interaktionspräferenzen nach besonders belastenden Ereignissen im Polizeidienst“. Dr. Wendtland wollte mit seiner wissenschaftlichen Arbeit nicht zuletzt Kolleginnen und Kollegen einen Überblick über Belastungen geben und „frühzeitig zum Nachdenken über mögliche Ansprechpartner anregen.“

Auch Einzelgänger müssen mal reden, sogar Tatort-"Kommissar Schimanski" (Fotoveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des WDR)

Der Polizeihauptkommissar ist der vielleicht einzige promovierte Dienstgruppenleiter in einer Einsatzleitstelle (in Lippe). 1991 bis 2000 studierte er an der FernUniversität in Hagen parallel zum Beruf „Soziale Verhaltenswissenschaften“. Seine – ebenfalls berufsbegleitende – Promotion an der FernUniversität führte er gezielt im Spannungsfeld von Soziologie und Psychologie durch. Für diese Arbeit erhielt er einen 2. Preis beim Wettbewerb der Deutschen Hochschule der Polizei.

In 31 Interviews berichteten ihm nordrhein-westfälische Polizeibeamte von belastendem Berufsstress. Bei der Auswertung ging es ihm vor allem darum, mit wem sie über das Erlebte sprachen. Einige konnten ihre Erfahrungen mit niemandem teilten, andere wählten gezielt Ansprechpartner aus beruflichem oder privatem Umfeld aus. Etliche sprachen mit Personen aus unterschiedlichen Bereichen.

Dr. Wendtland stellte fest, dass die besonderen Berufsgebenheiten nachhaltige Wirkungen hatten. Um ihre persönliche Stabilität und ihre Einsatzfähigkeit aufrecht zu erhalten wählen Polizisten bestimmte berufstypische Bewältigungsmuster. Werden Belastungen als nicht allzu schwerwiegend eingeschätzt verdrängen sie häufig das Erlebte. Eine andere „Flucht“ sehen manche im Alkohol. Eine weitere Gruppe baut durch Stress hervorgerufene überschüssige Energie durch Ausdauersport ab.

Gerade Polizisten sind höchst unterschiedlichen Belastungen ausgesetzt: Tod und Leid – besonders mit Kindern als Opfern –, Gefahren für die eigene Gesundheit, Bedrohungen der eigenen Familie oder der Kolleginnen und Kollegen. Tatsächlich entscheiden jedoch individuelle Bewertungsmuster, welche Belastungen besonders nachwirken. Einen Befragten z. B. belastete der Stress mit Kollegen stärker als vorgebliche Bedrohungen seiner Familie durch Verbrecher. Auch tödliche Unfälle oder Selbstmorde empfindet jeder anders. Einen erfahrenen Beamten bewegte lange, dass ein Mann auf dem Obduktionstisch „wie ich aussah“.

Auch innerdienstliche Konflikte belasten. Gespräche über beruflichen Stress werden durch weit reichenden Entscheidungskompetenzen für den Einzelnen einer- und hierarchische Organisationsstrukturen andererseits erschwert. Der Teamaspekt hat nach Untersuchungen anderer Forscher geringere Bedeutung: „Der einzelne Polizist muss an seinen Aufgaben wachsen.“ Wendtland geht davon aus, dass auch das Medienbild vom „Einzelgänger“ á la „TV-Kommissar Schimanski“ eine Rolle spielt.

Die „Helferrolle“ der Polizei wird von der Bevölkerung niedriger einschätzt als die der Feuerwehr: „Wir sind gerne ‚Freunde und Helfer’, aber wir müssen ja auch mal durchgreifen. Da sind Konflikte vorprogrammiert.“ In konfliktbehafteten Entscheidungssituationen kann das Team kein mentaler Rückhalt sein. Insofern bewerten Polizisten ihren Beruf als gesellschaftlich wichtig, vermissen aber die entsprechende Anerkennung für ihn.

Innerhalb der Strategien für unterschiedlichste Belastungen waren die „Ich kann mit niemandem sprechen“ und „Sprechen hilft immer“ die Extreme. Grundsätzlich sahen die Befragten Gespräche als Hilfe. Aus ihren Aussagen entwickelte Wendtland eine Typologie, die zur Orientierung dient, wer Polizisten in und nach Krisensituation unterstützen kann. Sie zeigt beispielhaft, wie fremde Hilfe gewirkt hat: „ Zwischen den beiden Extrempositionen gibt es eine Reihe von Zwischenformen.“

Die Polizistinnen und Polizisten wählen Gesprächspartner nach ihren Erwartungen aus. Wichtig sind soziografische Merkmale (Geschlecht, Diensterfahrung, -position). Personen aus dem persönlichen Umfeld werden gerne bevorzugt. Vor allem junge Beamte, die ihre Verwandten nicht belasten wollen, sprechen dagegen am liebsten mit erfahrenen Kollegen (den „Bärenführern“). Andere, besonders Vorgesetzte, bevorzugen Freunde und Verwandte, um nicht als „schwach“ zu gelten. Jüngere nehmen selten professionelle Betreuungsangebote an, offener sind Beamte, die Erfahrungen mit und Kenntnisse über solche Gesprächsverläufe haben.

Die eigenen Ressourcen einschätzen zu können erleichtert die Stressbewältigung. Auch zeigen die Interviews die Bedeutung polizeilicher Handlungskompetenz (z.B. professionelle Distanz). Besonders bedeutsam ist das Wissen um persönliche Stärken und Schwächen im Sinne eines transaktionalen Stressverständnisses (das die Wechselwirkungen von Personen einbezieht). Persönliche Lebenseinstellungen beeinflussen die individuelle Vulnerabilität (Verletzlichkeit): Eine gute Strategie ist es, sich und auch mögliche Gesprächspartner schon im Vorhinein gedanklich auf spätere „schlimme Ereignisse“ einzustellen. In der Ausbildung werden die Polizisten z. B. auf Geiselnahmen vorbereitet, um Handlungskompetenz zu behalten: „Man soll dann nicht befürchten, nicht professionell handeln zu können.“

Wichtig sind auch Glaube und Lebenseinstellung: „Eine weite Sicht der Welt erleichtert die Stressbewältigung, Tabus erschweren sie.“ Auch in Krisen noch Zusammenhänge und Sinn erkennen zu können ist ebenso vorteilhaft wie das Vertrauen in die eigenen Ressourcen: Hier wird die Krise eher als „Herausforderung“ gesehen, die bewältigt werden muss und kann. Sonst droht die „innere Kapitulation“.

Wendtland kommt zu dem Schluss, dass die ständigen Belastungen im Polizeialltag eine Beschäftigung mit der eigenen Persönlichkeit und lebensexistenziellen Fragestellungen geradezu provozieren. Gerade junge Beamtinnen und Beamten müssten vorsichtig an schwierige Situationen herangeführt werden – mit Fingerspitzengefühl und Menschenkenntnis. Wichtig sei, den jungen Kolleginnen und Kollegen genau zu sagen, was man von ihnen erwartet: „Das ist in kritischen Situationen natürlich nicht immer möglich.“

Matthias Wendtland trat 1983 nach dem Abitur in den Polizeidienst ein und absolvierte später eine Kommissarausbildung. Seit 1996 ist er in der Einsatzleitstelle in Lippe tätig. Von 1991 bis 2000 studierte er an der FernUniversität in Hagen berufsbegleitend den Magisterstudiengang Soziale Verhaltenswissenschaften mit den Nebenfächern Philosophie und Rechtswissenschaft. Anschließend erhielt er Lehraufträge für Soziologie, Sozialwissenschaftliche Methodenlehre, Politikwissenschaften und Verhaltenstrainings an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW.

Seine Promotion wollte er gezielt im Spannungsfeld von Soziologie und Psychologie durchführen, betreut wurde sie von seinen Gutachtern der Magisterprüfung, dem Soziologen Prof. Dr. Werner Fuchs-Heinritz und dem Psychologen Prof. Dr. Gerd Wiendieck, beide FernUniversität in Hagen. Leicht war dieses Vorhaben nicht, gibt Wendtland gerne zu: 41 Stunden im Dienst, 7 an der Fachhochschule und dann noch die externe Promotion …: „Ohne die Entlastung durch meine Frau und das problemlose Verhalten meiner 18 und 16 Jahre alten Kinder wäre ich wahrscheinlich selbst des Öfteren in heftige Stresssituationen geraten“, sinniert er heute.

Gerd Dapprich | 10.03.2009
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