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FernUni-News - Forschung und Entwicklung

In der Krise geht es in den Kommunen der Kultur an den Kragen

Wirtschafts-Prof. Joachim Grosser: Der Mensch braucht mehr als Geld und Güter

„Einsparungen im Kulturbereich“ – diese drei Worte in die Google-Suchmaske eingeben und schon hat man Zugriff auf 24.100 Seiten, die über geplante Maßnahmen und die oft heftigen Proteste dagegen berichten. In den letzten Monaten dürften etliche dazu gekommen sein. Die Wirtschafts- und Finanzkrise schlägt massiv auf die kommunalen Haushalte durch. Schnell entsteht dann in Verwaltungen und Politik die Idee, Theater zu fusionieren, Orchester zu verkleinern, Schwimmhallen zu schließen oder Sportplätze als Bauland zu verkaufen.

Damit wird ein Grundproblem des kulturellen Lebens schon deutlich: Es ist von ökonomischen Zwängen abhängig. Das gilt genauso für den Sport oder soziale Einrichtungen.

Prof. Joachim Grosser Prof. Joachim Grosser

„Kulturförderung ist aber weitaus mehr als eine (entbehrliche) Verfügungsmasse öffentlicher Ausgaben und Aufgaben.“ Joachim Grosser hat sich mit Kultur und ihren Rahmenbedingungen aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht befasst. Prof. Dr. Joachim Grosser ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftspolitik in der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft der FernUniversität in Hagen.

Er kritisiert nicht, dass auch bei Kultur, Sport usw. gekürzt werden muss, wenn nicht genügend Geld da ist: „Man muss sich aber bewusst machen, dass es nicht darum geht, ‚verzichtbare Sahnehäubchen’ öffentlicher Ausgaben zurecht zu stutzen.“ Geht es der Kultur an den Kragen kann sehr viel mehr verloren gehen als nur ein Unterhaltungs- und Prestigewert.

Aber was bringt Kultur den Menschen? Und: Was eigentlich ist Kultur? Grosser: „Erst Kultur, Sport und Spiel machen Menschen zu Gruppen- und sozialen Wesen, ohne sie wären wir nur isolierte, anyonyme Einzelindividuen, die Geld und Waren tauschen.“ Kultur definiert er als eine „Menge von Einstellungen, Glaubensinhalten, Moralvorstellungen, Traditionen, Wertvorstellungen, die alle Gruppenmitglieder teilen“ – die Gruppe entsteht erst durch solche Gemeinsamkeiten, indem eine Menge von Individuen über diese Inhalte sprechen: „Erst der kommunikative Austausch schafft Kultur.“

Konzerte, Theater, Museen, Sportstätten, Kinos…: Sie sind besonders wichtige „Kristallisationskeime“ für Kommunikation, ebenso wie Small Talk und „Events“. Unabhängig von ihrem Niveau und ihrer Qualität – also auch Castingshows wie „Deutschland sucht…“ (wen und was auch immer). Auch Alltagskultur begründet Gruppenzugehörigkeit, Hauptsache, es wird über Inhalte geredet.

Die Beteiligten entwickeln sogar etwas Gemeinsames, wenn sie völlig unterschiedliche Meinungen haben – auch Dissens ist eine Grundlage. Ebenso, dass „alle schimpfen“, z.B. über eine Theaterinszenierung, die „völlig daneben gegangen“ sei. Doch „Qualität“ ist für Grosser kein Kulturkriterium: „Die ‚Pleite’ kann ja durchaus die Kommunikation erheblich erhöhen.“ Auch eine (gezielte) Provokation ist für ihn ein wichtiger Teil der Kultur.

Gruppengemeinsamkeiten fallen aber nicht vom Himmel, sie müssen herausgebildet werden. Das kostet Zeit, Geld und Anstrengungen. Zunächst muss es einen Kondensationskern geben, z. B. ein Bild im Museum. Zwei Personen stehen davor, beginnen über das Bild zu sprechen. Darüber, was sie empfinden, ob es ihnen gefällt, ob es ihnen etwas sagt und was… Nicht das Bild als solches ist also Kultur, sie entsteht erst durch die Kommunikation.

Teure Kunst

„Potentielle Kulturgüter“ – Museen mit Bildern, Sportstätten, Kinos u.v.m. – in irgendeiner Weise zu produzieren und den Nutzerinnen und Nutzern auch zur Verfügung zu stellen ist jedoch alles andere als billig. Jetzt kommt der Markt ins Spiel: „Das ist die effizienteste Organisationsform, die ich kenne, um Produkte kostengünstig herzustellen.“

Was aber, wenn der Staat – also auch die Kommune – sich aus Kostengründen aus der „Kulturproduktion“ zurück zieht? „Dann“, so der Wirtschaftsprofessor, „überlässt man die gesamte Kulturproduktion dem Markt.“ Rückzug bedeutet, dass nicht nur Kultur, Sport usw. ärmer werden, sondern auch das Leben der Menschen als soziale Wesen, weil bestimmte Bedürfnisse nicht mehr abgedeckt werden.

Der Markt produziert nicht nach Kriterien wie „gemeinschaftsstiftend“, sondern danach, wie gut sich ein Produkt verkaufen und sich der Gewinn steigern lässt. – „Markt“ ist in der Wirtschaftswissenschaft ja jeder Ort, an dem Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen, gruppenbildende Kommunikation spielt keine Rolle. Hier zählen Kaufkraft, Kosten und Gewinne – „und das ist auch gut so“ für Joachim Grosser, denn er erfüllt ja seine Aufgabe, Güter und Dienstleistungen gegen Geld zu tauschen. Ein „Markt“ ist für Joachim Grosser „das Kulturloseste, was man sich denken kann“ – völlig wertfrei gesehen: „Wenn ich ein belegte Brötchen kaufe, muss ich mich mit der Verkäuferin nicht über meine Vorstellungen unterhalten.“ Es würde genügen, auf das Brötchen zu zeigen, es entgegen zu nehmen und zu zahlen. Wortlos.

Soziale und über Kultur vermittelte Beziehungen lassen sich auf einem Markt also nicht herstellen. Deutlich macht Grosser dies an einem Gedankenexperiment: „Jemand fragt mich, ob ich Jazz mag. Ich antworte: ‚Diese Information scheint Dir wichtig zu sein. Da sie Dir wichtig ist, bist Du auch bereit, einen bestimmten Geldbetrag zu bezahlen, um diese Information zu erhalten (dadurch wird Information bzw. Kommunikation zur Ware). Lass’ uns also einen Vertrag aushandeln, zu welchem Preis ich Dir diese Information gebe.’ Das ist die Art, wie der Markt mit solchen Dingen umgeht. Aber dass Gemeinschaft so nicht entstehen kann, ist klar.“

Bürger haben verstanden

Viele Bürgerinnen und Bürger haben den immateriellen Wert von Kultur begriffen. Im finanzkrisengeschüttelten Hagen z.B. – und damit steht die Stadt der FernUniversität für zahlreiche andere – ist das fast 100 Jahre alte Theater in seiner Existenz bedroht. Angeregt von Sparkassenvorstand Klaus Hacker, der auch Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft der Freunde der FernUniversität ist, haben Bürgerinnen und Bürger eine Stiftung gegründet. Mitglied ihres Vorstandes ist Bernd Pederzani, ebenfalls im Vorstand der Freundesgesellschaft engagiert.

Zusammen mit Hagenerinnen und Hagenern wollen sie die Theater- zu einer „Bürgerstiftung“ ausbauen, die in der Diskussion über die Zukunft der „Bühne der Bürger“ mitreden will. Damit knüpft die Stiftung an eine Hagener Tradition: Vor fast 100 Jahren wurde so der Bau des Theaters ermöglicht. Die Stiftung soll privates Kapital mobilisieren, das Theater in einer neuen Rechtsform organisiert werden und mit anderen Bühnen kooperieren.

Not macht erfinderisch. Und nicht nur Bürger, sondern auch Verwaltungen.

Gerd Dapprich | 04.03.2010
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