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Generalleutnant a.D. promovierte: Wie rutschte Deutschland tiefer in den Afghanistan-Konflikt?

An der FernUniversität politische Entscheidungswege analysiert

Die Suche nach Wahrheit: die „klassische Triebfeder“ für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Weil er wissen wollte, ob seine Zweifel an politischen Entscheidungen zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan berechtigt waren, arbeitete Generalleutnant a.D. Ulf von Krause (Jahrgang 1944) diese Thematik in seiner Promotion an der FernUniversität in Hagen auf. Viele Gesichtspunkte dieses Einsatzes und zahlreiche Hintergründe für die Entscheidungsfindung kannte er aus seiner beruflichen Tätigkeit. Nach ungewöhnlich kurzer Zeit beendete er seine wissenschaftliche Arbeit, Ende Oktober 2010 erhielt er die Promotionsurkunde. Anfang Dezember erscheint die Dissertation von Dr. Ulf von Krause unter dem Titel „Die Afghanistaneinsätze der Bundeswehr. Politischer Entscheidungsprozess mit Eskalationsdynamik" als Buch beim VS-Verlag.

„Unsere Soldaten machen ihren Job in Afghanistan gut – aber was machen wir hier eigentlich?“ fragte sich Ulf von Krause 2003 bei einem Besuch in Afghanistan. Seine Zweifel an der Rationalität der politischen Entscheidungen zu den Einsätzen am Hindukusch – Rationalität im Sinne einer Zweck-Ziel-Mittel-Beziehung zwischen Politik und Militär – waren die Motivation, sich der Thematik wissenschaftlich zu nähern, als er 2005 als Generalleutnant verabschiedet wurde. Er war zwar nicht an den Entscheidungen selbst beteiligt gewesen, aber an ihren Umsetzungen. Als Chef des Streitkräfteunterstützungskommandos der Bundeswehr mit 60.000 Beschäftigten baute er auch die deutsche militärische Logistik am Hindukusch mit auf.

Im Ruhestand hatte sich von Krause zunächst in das Governance-Studium an der FernUniversität in Hagen eingeschrieben, das er 2008 mit dem Master abschloss – „Ein reizvolles weil interdisziplinär angelegtes Studium!“ Kaum war er damit fertig begann er mit seiner Dissertation „Entscheidungen zu den Afghanistaneinsätzen der Bundeswehr – Eskalationsdynamik trotz Parlamentsarmee“ bei Prof. Dr. Georg Simonis, vor seinem Ruhestand Leiter des Lehrgebiets Politikwissenschaft: Internationale Konflikte und Umweltpolitik in der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften.

Als zentrale Forschungsfrage der Dissertation formulierte von Krause: „Welche Erklärungen gibt es – vor dem Hintergrund der starken Stellung des Bundestages – für die Eskalationsdynamik der deutschen Einsätze?“ Als Antwort arbeitete er vielfältige Ursachen heraus, zum einen fehlende oder unrealistische politische Zielvorgaben, die weitgehend auf multilateralen Forderungen und Erwartungen fußten, ohne deutsche Interessen hinreichend zu präzisieren, zum zweiten ein drastisches Missverhältnis zwischen militärischen und zivilen Anstrengungen. Die Analyse belegt darüber hinaus, dass die deutsche Politik aus Rücksicht auf das Zivilmachtdenken in der deutschen Gesellschaft lange den wahren Charakter der Einsätze verschleierte. Erst die Ereignisse der Jahre 2009/2010, die der deutschen Öffentlichkeit vor Augen führten, dass deutsche Soldaten in Afghanistan kämpften, starben und auch töteten, führte zu einem allmählichen Wandel der Position der Politik. In dieser Entwicklung wirkte die Kontrolltätigkeit des Parlaments kaum eskalationsbremsend, wofür die Dissertation eine Reihe von Gründen herausarbeitete.

Bei seiner wissenschaftlichen Analyse erkannte von Krause: „Man sieht ja nur die veröffentlichten Entscheidungen – was im Hintergrund besprochen wird, hinter verschlossenen Türen, erfährt man nicht.“ Aber wenn man die offiziellen Entscheidungswege anhand von Indizien verfolgt, wird einiges deutlicher. „Hier hilft auch eine freie, investigative Presse.“

Als Ergebnis seiner Analyse formulierte Ulf von Krause eine Reihe von Empfehlungen, u.a. zur Förderung eines breit angelegten Diskurses zwischen Politik, Wissenschaft und Gesellschaft zur Formulierung von „nationale Interessen", die mit denen des Bündnisse abgeglichen werden, zur Stärkung der Rolle des Bundestages, um diesen als Kontrollinstanz der Bundesregierung beim Einsatz von Militär („Parlamentsarmee“) effektiver werden zu lassen. Vor allem jedoch forderte von Krause größte Sorgfalt bei der Formulierung des politischen Zwecks und der militärischen Zielsetzung von Einsätzen, auch und insbesondere bei Erstentscheidungen, die unter hohem Zeit- und Emotionsdruck getroffen werden. Im Verlauf militärischer Einsätze müssten Zweck- und Zielerreichung sowie die Zweck-Ziel-Mittelrelation danach ständig analysiert werden.

Von Krause selbst hatte von der Promotion erwartet, dass seine akademische und berufliche Erfahrung Rüstzeug zur Abarbeitungen des komplexen Themas sein würden – eine Hoffnung, die sich voll erfüllte. Neu war für ihn, dass er das ganze Projekt als Einzelkämpfer managen musste: „Diesmal war ich alleine das Team.“ Obwohl: So ganz alleine war er natürlich nicht, sondern er hatte schon eine gewisse „Logistik“ zu seiner Verfügung. Denn im Promotionskolleg von Prof. Simonis erhielt er genügend „geistiges Sparring“ und viel Feedback von dem Betreuer bekam er auch.

Ausführlichere Informationen zum Inhalt der Dissertation

Gerd Dapprich | 08.12.2010
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