Führen durch Reden: Bevor man andere Menschen führen kann, muss man erst einmal eine Führungsposition erreichen. Z.B., indem man durch gut durchdachte Reden überzeugt. Allerdings: Reicht es, gut reden zu können? Oder was gehört noch dazu, um erfolgreich zu sein? Und genügt das „Redenkönnen“ dann auch, um die errungene Position zu behaupten? Damit hat sich Jürgen Weibler, Professor an der FernUniversität in Hagen, im Hinblick darauf befasst, was Führungskräfte in Unternehmen von einem der faszinierendsten Redner unserer Zeit lernen können – von US-Präsident Barack Obama. Der Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Personalführung und Organisation, untersuchte, wie Obama durch seine Reden viele US-Bürgerinnen und -Bürger von sich überzeugen konnte.
Prof. Dr. Jürgen Weibler
Authentisch sein
Charakteristisch für Obamas Reden ist laut Prof. Jürgen Weibler, dass sie persönlich, wertebewusst, kopf- wie emotionsorientiert, integrierend, traditionsorientiert und doch zukunftsgewandt und stets kraftvoll sind. Seine intellektuelle und emotionale Überzeugungskraft machten aus dem vergleichsweise jungen Senator einen für viele faszinierenden Präsidentschaftskandidaten. Glück, das richtige Timing und besonders seine ungewöhnliche Biografie mit dem Aufstieg vom Außenseiter zur Weltperson kamen hinzu.
Schon vor der Kandidatur hatte er auf verschiedenen Positionen Führungsqualitäten bewiesen. So wurde er als erster Afroamerikaner an der Harvard Law School zum Präsidenten einer Fachzeitschrift gewählt. Als Senator und vor allem durch den Nominierungsparteitag der Demokraten in 2004, wo er eine Gastrede hielt, wurde er schnell zu dem Mann, auf den es zu achten galt: „Die so gewonnenen Erfahrungen und Beziehungen waren jeweils Grundlage für den folgenden Schritt nach oben“, analysiert Prof. Weibler: „Obama hat seine Lebensplanung an für ihn wichtigen übergeordneten Zielen ausgerichtet und sich selbst entsprechend weitergebildet.“
Glaubwürdigkeit
Das zentrale Thema von Obama, sein soziales Engagement für Arme und Benachteiligte, zieht sich durchgängig durch seine Biografie. Dies und seine Überzeugung, dass vieles besser werden müsse, machten ihn ebenso glaubwürdig wie sein Bekenntnis zu seinen afrikanischen Wurzeln. Sein Glück war, dass dieses Thema in die Zeit passte: Die Amerikaner waren unzufrieden mit der Situation unter George W. Bush. Obama brauchte genau diese Situation, um seine klaren Vorstellungen darüber, wie man was verändern musste, kommunizieren zu können.
Dabei vermittelte er ein „stimmiges“ Bild: „Die Menschen haben ein feines Gespür dafür, wenn jemand nicht authentisch wirkt“, erklärt Jürgen Weibler, „das Publikum erkennt leicht, ob der Redner tatsächlich hinter dem steht, was er sagt. Inhalt und Rhetorik müssen übereinstimmen.“ Das Publikum lässt sich selten von der Mimik täuschen: „Die Gesichtsmuskulatur reagiert unbewusst und lässt sich nicht leicht gezielt beeinflussen.“ Auf der sicheren Seite ist ein Redner also, wenn seine Biografie und seine Inhalte zueinander passen.
Zum authentischen Gesamtbild gehört auch die passende „Körperlichkeit“. Dass er tatsächlich handlungs- und durchsetzungsfähig ist, zeigte Obama gerne mit seinem Körper: ein junger, durchtrainierter, sportlicher Präsident, so kraftvoll wie seine Reden.
Freiheiten lassen
Der Erfolg Obamas lag auch darin, dass er den Zuhörenden Wege aufzeigte, ihnen aber ansonsten viele Freiheiten für die individuelle Zielerreichung lässt. Damit entspricht sein Stil der Führung, wie Jürgen Weibler sie definiert: „Führung bedarf immer der Akzeptanz anderer, also von Personen, die die Führung unterstützen und teilen.“ Um Kräfte freizusetzen muss man auf die Inhalte schauen und die Menschen zu Eigenverantwortung und selbstständigem Handeln motivieren. Und sich fragen: Was bedeutet es für andere, wenn ich meine Ideen verwirkliche? Weibler, Herausgeber des Buchs „Barack Obama und die Macht der Worte“ (VS-Verlag, Wiesbaden, 2010): „Das darf nicht auf Kosten anderer geschehen.“
Reden planen, testen und entwickeln
Obwohl Obama ein talentierter Redner ist, studierte er seine entscheidenden Reden oft ein und hielt sie zunächst vor einem ausgewählten Publikum, um ihre Wirkung abzuschätzen. Die Zuhörenden repräsentierten die umworbenen Wählerschichten. Weibler rät daher Führungskräften, erst in einem kleineren Kreis die Folgen ihrer Ideenumsetzung zu diskutieren: „Das Wirkungsgefüge der eigenen Handlungen sollte man schon im Vorhinein genau abschätzen können.“ Zudem kann man besser überzeugen, wenn man Gegenargumente kennenlernt, sie vielleicht sogar „vordenkt“, und die „Deutungshoheit“ darüber gewinnt. Obama erkannte sogar – insbesondere, aber nicht nur wenn er erfolgreich war – die Verdienste seiner Kontrahentinnen und Kontrahenten an und nahm so deren Anhängerinnen und Anhänger für sich ein. Bei Diskussionen gab er sich freundlich wie sachlich gegenüber Gegnern. Das Argument und der Respekt kennzeichneten seinen Stil durchgängig, auch bei harten Angriffen von anderer Seite.
Damit eine Rede erfolgreich geplant werden kann, sollte man wissen, zu wem man spricht. So kann und muss man sich umfassend auf dieses Publikum vorbereiten, seine Wünsche und Sorgen kennen. Wichtig ist, möglichst schnell die Trennung zwischen sich und dem Publikum zu überwinden. Obama hat den Vorteil, ein guter Zuhörer zu sein: Er schaut sein Gegenüber an, redet oft frei, hat nicht nur alle im Auge, sondern spricht auch einzelne gezielt an. Ob er sein Publikum „mitnimmt“ erkennt er am Kopfnicken oder am Nachmachen seiner eigenen Gesten.
Optimal ist eine Rede gelaufen, wenn die Zuhörenden durch die Rede motiviert wurden und die Botschaft draußen weiter zu verkünden. Diese dann geteilte Mission hatte bei Obama durchaus etwas Religiöses an sich, fußend auf der Suche nach spiritueller Erfahrung seines Publikums, die bis hin zu Erlösungserwartungen reichten.
Solche quasi verschworenen Gemeinschaften kann man auch hierzulande in wertorientierten Organisationen und gelegentlich auch in Unternehmen finden. Voraussetzung ist, dass die Beschäftigten das Gefühl haben, an einer „größeren Sache“ teilzunehmen. Dafür müssen die Führungskräfte vermitteln, dass die Tätigkeit einen höheren Sinn hat, etwas ist, was man gemeinsam erreichen will. Die Gefahren liegen natürlich ebenso auf der Hand.
Dass sich die Ansprüche ändern, wenn aus Kandidaten Amtsinhaber oder Führungskräfte geworden sind, musste auch US-Präsident Barak Obama - hier bei einer Wahlkampfveranstaltung - erfahren.
(Foto: Weisses Haus)
Emotionen transportieren Botschaften
Überzeugend wirken nicht abstrakte Darstellungen, sondern konkrete Beispiele. Geschichten unterhalten nicht nur, sie transportieren über Gefühle die Botschaften des Redners, sprechen den ganzen Menschen an und nicht nur den Intellekt. So erzeugen sie Nähe zu den Erfahrungshorizonten der Zuhörenden. Ein geschickter Schachzug Obamas sind daher die gezielt ausgewählten Geschichten von Menschen ín seinen Reden – von ganz normalen Menschen, die etwas in ihrem persönlichen Umfeld erreicht haben. Obamas Thema ist also immer auch die US-Gesellschaft und ihre (traditionellen) Werte (gerne bezieht er sich auch auf den fast sakrosankten Abraham Lincoln, auch mit symbolischen Gesten). Die Geschichten verbindet er mit seiner eigenen Biografie, seiner Identitätsfindung, seiner Suche nach Gerechtigkeit und seinem kontinuierlichen Arbeiten für eine bessere Welt. Mit seiner Liebe zu seiner Familie und mit seinem Lernen aus Niederlagen, bis das für ihn gute Ende erreicht ist.
Weibler zieht daraus den Schluss, den Aufbau und den Text einer Rede präzise zu durchdenken: Schlüsselwörter müssen verwendet, Argumentationsketten zielgruppengenau aufgebaut und die passende Geschichte gefunden werden.
Der PräsidentDass sich die Ansprüche ändern, wenn aus Kandidaten Amtsinhaber oder Führungskräfte geworden sind, musste auch Obama erfahren. Er wird nun an Erfolgskriterien gemessen, die im Wahlkampf nicht galten: „Jetzt wird er als figurative Gestalt vor dem Hintergrund für alles verantwortlich gemacht, was in und mit den USA passiert“, so Weibler. Obama selbst hat als Wahlkämpfer die Latte der Erwartungen sehr hoch legen müssen, damit viele ihm folgten. Und diese Erwartungen, die er geweckt hat, kann er so nicht mehr erfüllen – er ist unausweichlich Teil des Systems geworden, das er selbst in seinen Reden angegriffen hat. Ohne nennenswerte politische und mediale Unterstützung und ohne Fortune ist ein einzelner abseits von Ausnahmesituationen auch beim bestem Willen hier nur begrenzt handlungsfähig. Die heutige Situation wird aus den verschiedensten Gründen von vielen Wählerinnen und Wählern als sehr schlecht empfunden. Diese führt zu einer Negativspirale, die Obama die Hände weiter bindet. Weibler: „Wenn man in eine Führungsposition gekommen ist, braucht man unbedingt schnelle Erfolge, um die Erwartungen der Wähler zu rechtfertigen und die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft aufrecht zu erhalten.“
Prof. Jürgen Weibler analysierte Barack Obamas Rede im Hinblick darauf, was Führungskräfte in der Unternehmen und Organisationen daraus lernen können
Durchtrainiert und sportlich: Auch der äußere Eindruck muss zu den Inhalten der Reden Obamas passen. Dieses Foto wurde vom Weißen Haus frei gegeben.
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