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FernUni-News - Forschung und Entwicklung

„Überzeugungstäter“, „flexible Individualisten“ oder „unaufgeregt Rationale“?

Freelancer unter der wissenschaftlichen Lupe – Noch Mitwirkende für Studie gesucht

Geschätzte zwei Millionen Berufstätige arbeiten in Deutschland ohne Festanstellung als „Freelancer“ für wechselnde Auftraggeber, Tendenz steigend. Wie kommen sie mit dieser unsicheren beruflichen und persönlichen Situation zurecht? Wie gehen sie mit den Belastungen um? Was motiviert sie? Was wollen sie noch erreichen? Zum Thema „Solo-Selbständige im Spannungsfeld von Flexibilisierung und Stabilisierung“ forscht das Lehrgebiet „Psychologie des Erwachsenenalters“ an der FernUniversität in Hagen im Rahmen eines Verbundprojektes des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Im Zentrum stehen freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Journalismus, in anderen Medienbereichen (z.B. Grafik/Design) und in der IT-Branche.

· Hintergrund: Freelancer

sind hochqualifizierte Ein-Personen-Unternehmerinnen und -Unternehmer. Sie erbringen wissensintensive (Dienst-)Leistungen, arbeiten alleine oder in Netzwerken für wechselnde Auftraggeber, beschäftigen selbst aber keine Mitarbeitenden. Ihr Einkommen hängt direkt vom selbst erwirtschafteten Gewinn ab. Für Akquise, Selbstvermarktung und Weiterqualifikation sind sie selbst verantwortlich. Freelancer bestimmen ihren Arbeitsort, ihre Arbeitszeit und die Ausführung ihrer Tätigkeit i.d.R. selbst, sie tragen alleine das Risiko und die Verantwortung für ihre Entscheidungen. Von klassischen Feldern freiberuflicher Tätigkeiten – medizinischer Bereich, Rechtsberatung etc. – unterscheiden sie sich u.a. dadurch, dass diese Selbstständigen nicht oder nur selten für Unternehmen arbeiten und durch besondere berufsständische Regelungen eine Sonderposition einnehmen.

Prof. Ingrid Josephs

„Freie“ durchweg überraschend zufrieden

Prof. Dr. Ingrid Josephs und ihre Mitarbeiterinnen haben festgestellt, dass die „Freien“ durchweg überraschend zufrieden sind. Das „Einzelgänger“-Klischee des Freelancers konnte jedoch nur für den journalistischen Bereich bestätigt werden. Dies ist nicht der einzige branchenspezifisch markante Unterschied. Die Forscherinnen interessierten berufliche Motivationen, Ziele, Ressourcen und Persönlichkeitsmerkmale, ebenso die Rahmenbedingungen der Arbeit und nicht zuletzt die individuellen Strategien, um eigene Wünsche und Möglichkeiten mit den Anforderungen des Umfeldes in Einklang zu bringen.

Die Auswertung einer ersten Interview-Studie mit über 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ergab, dass Journalistinnen und Journalisten typischerweise intrinsisch motivierte „Überzeugungstäterinnen und -täter“ sind: „Sie geben nicht auf, auch wenn ihre Kosten hoch und die psychische Belastung enorm sind!“ erläutert Ingrid Josephs. Motiviert werden sie weder durch die (nach eigener Meinung viel zu geringe) Entlohnung noch durch Anerkennung von außen, sondern durch ihre eigenen Qualitätsansprüche an die Arbeitsergebnisse. Die hohen Anforderungen an ihre Flexibilität empfinden sie eher als belastend, kaum jedoch als positive Herausforderung. Berufs- und Privatleben sind selten wirklich zu trennen. Das Klischee des „einsamen, alleine arbeitenden Freelancers“ fanden die FernUni-Forscherinnen hier oft bestätigt. Dennoch identifizieren sich auch die „freien“ Journalistinnen und Journalisten“ häufig mit der Organisation, für die sie arbeiten, und betrachten deren „feste“ Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter häufig als Kolleginnen und Kollegen.

Typisch für Freelancer, die in verschiedensten anderen Medienbereichen (z.B. Grafik/ Design) tätig sind, aber nicht als „klassische“ Journalistinnen und Journalisten, ist ihr flexibler Individualismus. „Berufs- und Privatleben gehen untrennbar ineinander über, Flexibilität gehört zu ihrem Kerngeschäft und wird als ich-affin erlebt“, erläutert Ingrid Josephs. Das Klischee, immer alleine zu arbeiten, trifft auf sie nur teilweise zu. Diese Medien-Freelancer haben mehrheitlich ganz bewusst die Entscheidung für eine kreative und unabhängige Arbeit getroffen. Sie identifizieren sich häufig mit der Organisation, für die sie arbeiten, sehen jedoch deren Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen selten als ihre Kollegen und Kolleginnen an. Anerkennung von außen motiviert sie sehr, ebenso das unabhängige Arbeiten. Ein Spannungsfeld zwischen Flexibilitätsanforderungen und Stabilitätsbedürfnissen empfinden sie deutlich weniger als die beiden anderen befragten Gruppen. Die geforderte Flexibilität erleben sie eher als positive Herausforderung, weniger als Belastung.

IT-Freelancer entsprechen dem Typ der „unaufgeregt Rationalen“ mit einer abgewogenen und erfolgreich verlaufenden Kosten-Nutzen-Bilanz. Mit dem Klischee des einsamen Freelancers haben sie nichts gemeinsam. Sie identifizieren sich häufig mit der Organisation, für die sie arbeiten, und betrachten deren Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen als Kollegen und Kolleginnen. Großen Wert legen sie neben den fachlichen auf ihre sozialen Kompetenzen. Häufig haben IT-Freelancer aus „der Not eine Tugend" gemacht und sind aus verschiedenen Gründen (Krisen, Mobbing, Insolvenz) zu ihrer freiberuflichen Tätigkeit gekommen. Sie trennen am deutlichsten zwischen Berufs- und Privatleben. Mit ihrem Einkommen sind sie sehr zufrieden, die Flexibilitätsanforderungen empfinden sie eher als Herausforderung denn als Belastung.

„Freie“ und „Feste“ – die Unterschiede

In einer zweiten, als Online-Umfrage angelegten Untersuchung ging das FernUni-Team den Fragen nach, wie sich Freelancer von Festangestellten unterscheiden und wodurch man jeweils ihren subjektiv erlebten beruflichen Erfolg und ihre Zufriedenheit vorhersagen kann. Dafür wurden 103 freie und festangestellte Berufstätige aus dem IT-, Medien- und Weiterbildungsbereich sowie aus dem Journalismus befragt.

Auch hier zeigt sich, dass Freelancer im Mittel ziemlich zufrieden sind. Dies gilt vor allem – und auch deutlich im Unterschied zu Festangestellten – für die Zufriedenheit mit der Form (Freelance) und den Inhalten ihrer Tätigkeit.

Bei der Frage, welche Arbeitsaspekte als motivierend empfunden werden, betonen die Freelancer vor allem die Möglichkeit der eigenen Zeiteinteilung. Die hiermit einhergehende Flexibilität wird also deutlich positiv wertgeschätzt.

Von Relevanz für die Vorhersage ihres subjektiv eingeschätzten Berufserfolgs ist bei Freelancern vor allem die Möglichkeit, Aufträge selbst aussuchen, aber auch ablehnen zu können. Anders sieht dies bei Festangestellten aus: Sie schätzen Berufserfolg und Zufriedenheit dann hoch ein, wenn sie gleichzeitig das Gefühl haben, dass ihre fachlichen Stärken in der jeweiligen Organisation zum Einsatz kommen. Im Gegensatz dazu sind Freelancer eher dann zufrieden, wenn sie ihre Arbeitsziele konsequent verfolgen und die Dinge in die eigenen Hände nehmen können.

Die Ergebnisse der beiden Studien mündeten in eine dritte, kürzlich abgeschlossene Online-Befragung, an der 290 Freelancer und Festangestellte aus dem IT- und Medienbereich teilnahmen. Erste Ergebnisse zeigen, dass sich Freelancer branchenunabhängig als zufriedener, offener für neue Erfahrungen, leistungsmotivierter und selbstbestimmter im Vergleich zu Festangestellten einschätzen. Bei Problemen suchen sie weniger soziale Unterstützung als Festangestellte. Unabhängig vom Beschäftigungsverhältnis sind Angehörige der IT-Branche subjektiv erfolgreicher, leistungsmotivierter und gleichzeitig weniger offen für neue Erfahrungen als Angehörige der Medienbranche. Zudem ist ihre Selbstwirksamkeitserwartung höher.

Die vollständige Auswertung dieser Studie wie auch die Ergebnisse einer vierten, momentan laufenden Untersuchung werden auch auf folgende Fragen Antworten geben können:

· Welche Ziele setzen sich Freelancer für die Zukunft?

· Welche beruflichen Träume wollen sie noch verwirklichen?

· Streben sie eine Festanstellung an?

· u.a.

Ergebnisse der Studien sollen am 13. Mai 2011 in Hagen bei einem „Freelancer-Day“ vorgestellt und mit freiberuflich Tätigen diskutiert werden.

Die Untersuchungen der FernUniversität fanden im Rahmen des Forschungsprojekts „Freelancer im Spannungsfeld von Flexibilisierung und Stabilisierung (FlinK)“ statt, das vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft und vom Europäischen Sozialfonds der EU gefördert wird. Projektträger ist das DLR, Partner sind Prof. Dr. Stefan Süß (Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf), und Prof. Dr. Stephan Kaiser (Universität der Bundeswehr, München).

Ausführliche Informationen: www.flink-projekt.de.

· Hinweis für Freelancer und für deren Auftraggeber: Prof. Ingrid Josephs will aufgrund der interessanten und z.T. auch sicher überraschenden Ergebnisse zusammen mit dem BMBF-Verbundpartner Prof. Dr. Stefan Süß (Universität Düsseldorf) das Thema weiter vertiefen. Vielleicht sind Sie ja selbst Freelancer im Medienbereich und haben etwas Zeit und Lust, selbst an der nächsten Studie teilzunehmen. Oder Sie sind Auftraggeber und möchten Ihre freien Mitarbeitenden auf die Studie aufmerksam machen. Wenn ja finden Sie unter dem Link http://ww3.unipark.de/uc/Medien-Freelancer/ einen Online-Fragebogen. Wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in dem Fragebogen Ihre Mailadresse angeben wollen, können wir ihnen die Ergebnisse dieser Befragung später direkt mitteilen. Die Fragen richten sich NICHT an IT-Freelancer

Gerd Dapprich | 09.03.2011
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