„Bei einer Professur für Medienästhetik ist einem eines gewiss, nämlich die Frage, was das eigentlich und überhaupt sei, das man da zu lehren vorgebe“, begann Prof. Dr. Torsten Hahn im Anschluss an die Begrüßungsworte von Prof. Dr. Theo Bastiaens, Dekan der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften, als Leiter des Lehrgebiets Neuere deutsche Literatur und Medienästhetik an der FernUniversität in Hagen seine Antrittsvorlesung zur „Medienästhetik der Oberfläche“.
Prof. Torsten Hahn
Was also ist Medienästhetik und welche Funktion hat sie? Zusammenfassend gesagt: Sie ist die Wissenschaft von der künstlerischen Gestaltung von Wirklichkeit. Ihre Aufgabe ist es, die Rolle und Gesetzmäßigkeiten von Medien als bestimmende Faktoren in Wahrnehmungsprozessen zu beschreiben und hinter die Oberfläche von Alltagsgewohnheit und der gewohnheitsmäßigen Wahrnehmung zu schauen, um so Möglichkeiten eines anderen Wirklichkeitsverständnisses zu erfahren. Dabei sind unter dem Begriff Medien keineswegs nur die audiovisuellen Medien des elektrischen Zeitalters wie Fernsehen und Radio zu verstehen, sondern – ein alltägliches Beispiel – auch eine Brille. Sie schärft unseren Blick und hat somit eine vermittelnde Funktion, die sich auf unsere Sinneseindrücke auswirkt. Sie hat also Einfluss darauf, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen.
Gleiches gilt insbesondere auch für Kunst. Wir schauen uns ein beispielsweise ein Foto oder einen Film an, lesen einen Roman, interpretieren und konstruieren damit eine „Wirklichkeit“, die wir hinter dem Bild oder hinter der Geschichte vermuten. „Wir unterstellen, dass sich hinter der Oberfläche des Bildes eine Wahrheit, ein nicht sichtbarer, verborgener Inhalt versteckt“, erläuterte der Literatur- und Medienwissenschaftler und erklärte, worauf sich diese Annahme begründet. „Sie ist eine Form des Verdachts, die mit der medialen Speicherung von Ereignissen einhergeht. Je besser etwas dokumentiert ist, desto verdächtiger wird es.“
Als ein Beispiel nannte Hahn die Bilder von der ersten Landung einer bemannten US-Rakete auf dem Mond 1969. Der Verdacht, dass es sich bei diesen Bildern um eine Fälschung der US-amerikanischen Regierung und der NASA handelt, kann nur aufrechterhalten werden, weil es diese Bilder gibt. Nur deshalb können wir sie immer wieder anstarren und nach der vermeintlichen Erkenntnis hinter der Oberfläche suchen. Diese Erkenntnis steht aber eigentlich von vornherein fest. Sie entzieht sich uns aber immer wieder durch unseren Verdacht, dass es doch hinter der offensichtlichen Fassade noch eine andere Wahrheit geben muss.
Dass wir uns von diesem Verdacht nur schwer lösen können, verdeutlichte Prof. Hahn anhand der Kunstrichtung Pop-Art und der Pop-Literatur. Pop, die Abkürzung für populär, bedeutet so viel wie bekannt oder beliebt. Werke der Pop-Art – bekannte Vertreter sind Andy Warhol und Roy Liechtenstein – zeichnen sich durch eine realistische Darstellung auf Material aus, das wir auch im Alltag verwenden. Er stellte Gegenstände des häufigen Gebrauchs in den Fokus, er reproduzierte beispielsweise Abbilder von Cola-Flaschen im Seidendruckverfahren und machte Boxen des Putzkistenherstellers Brillo zu Kunstobjekten. Seine Antwort auf die Frage nach der Aussage dieses Kunstwerks: Die Oberfläche ist die Aussage und es gibt keinen tieferen Sinn hinter den Bildern. Oder anders gesagt: Die Oberfläche macht die Ästhetik aus, sie ist das Medium und damit Kunst. „Pop hat damit in die Kunst zurückgeholt, was eigentlich sauber von ihr getrennt worden war, nämlich das Alltägliche“, unterstrich Hahn.
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