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FernUni-News - Forschung und Entwicklung

BWL funktioniert nur im Team: Lernen, wieder das große Ganze zu sehen

Prof. Meyerings „Studi-Consulting-Projekt“: Aus der Forschung in die Lehre

Die Umstellung des Studiensystems in Deutschland hatte u.a. ein „kleinteiliges“ modulares Lehrangebot zur Folge, meint Prof. Dr. Stephan Meyering: „So werden viele Teilaspekte der Betriebswirtschaftslehre behandelt, auch sehr tiefgehend.“ Dem Inhaber des Lehrstuhls Steuern und Wirtschaftsprüfung an der FernUniversität in Hagen fehlt jedoch „die große Klammer“, die es den Studierenden ermöglicht, die vielfältigen Zusammenhänge des gesamten Systems Unternehmen leichter zu erkennen. Doch die ganzheitliche Betrachtungsweise würde den Studierenden oft fehlen: „Dem möchte ich entgegenwirken!“

Und zwar mit Projekten, die das reale Leben in der Wirtschaft widerspiegeln, indem sie nicht nur Teilaspekte betrachten wie z.B. die Besteuerung, die Logistik oder das Marketing. Für Meyering ist ein Unternehmen wie eine Maschine mit zahlreichen Stellrädchen. Und wenn sie nicht richtig rund läuft „muss ich eben sehen, welches Rädchen ich nachstellen muss“. Zu bedenken ist dabei aber das Zusammenspiel mit den anderen Rädchen.

So beabsichtigt er, im nächsten Jahr ein kleines oder mittelständisches Unternehmen durch Studierende beraten zu lassen. Sie sollen erkennen, dass die Betriebswirtschaftslehre eine anwendbare Wissenschaft ist – ein Anspruch, an dem sie sich wiederum messen lassen muss die. Da die weitaus meisten Studierenden der FernUniversität ja selbst Praktiker und Fachleute sind, erwartet Meyering von diesem Projekt einen besonders schnellen und effektiven Erkenntnisgewinn bei ihnen.

Ein Betriebswirt ist nach Meyerings Credo zunächst einmal ein „Generalist“. Er muss den gesamten Betrieb und seine Zusammenhänge im Auge behalten.

Forschungsprojekt als Vorstufe

Als Vorstufe hierzu führte er in diesem Jahr ein Forschungsprojekt mit einem Handwerksunternehmen durch. Die Beratung durch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der FernUniversität war für den Hagener Malerbetrieb kostenlos. Beteiligt waren nur Wissenschaftliche Mitarbeitender: „Wir wollten zunächst einmal Erfahrungen sammeln und meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben ja die gleichen Interessen wie unsere Studierenden, etwa die Ganzheitlichkeit zu sehen.“ Natürlich verbessert die Mitarbeit in einem solchen anwendungsorientierten Projekt auch die späteren Berufschancen. Zudem konnten die Mitarbeitenden Kontakte in die Unternehmenswelt knüpfen.

Bei diesem umsatzstarken Betrieb gab es zwei Hauptproblemfelder: die Ertragslage und die aus Sicht des Inhabers unzureichende Motivation der Beschäftigten: Weil zudem keine Kostenrechnung durchgeführt wurde, gab es auch keine darauf basierende Angebotskalkulation. Prof. Meyering: „Hinsichtlich der Ertragslage konzentrierten wir uns auf das operative Geschäft. Unser Ziel war eine Kosten- und Leistungsanalyse auf Jahresabschlussbasis.“ Zudem wollten die FernUni-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler eine einfache, der Betriebsgröße angemessene und einfach zu bedienende Kostenrechnung sowie ein Tool zur Kalkulation bei Auftragsvergaben entwickeln. Beides sollte die Grundlage sein für ein Konzept zur einfachen vor- und nachgelagerten Auftragskalkulation.

Im Hinblick auf die Motivation der Beschäftigten sollte eine Mitarbeiterbefragung durchgeführt werden, um Erkenntnisse für mögliche Verbesserungen der Situation zu erhalten.

Eine Woche unter der wissenschaftlichen Lupe

Eine Woche lang nahm das FernUni-Team das Unternehmen unter die wissenschaftliche Lupe, telefonierte mit dem Inhaber und seinen Mitarbeitern, ließ Fragebögen ausfüllen, wertete Geschäftszahlen aus, analysierte Arbeitsabläufe. Am Ende konnten die Beteiligten dem Unternehmenschef ein Kalkulations-Tool präsentieren, das auch Handwerker ohne große PC-Kompetenz schnell beherrschen. Auf der Kostenrechnung aufbauend wurde ein weiteres Tool erarbeitet, das den minimalen Stundenlohn berechnet, um Lohn- und Gemeinkosten sowie einen Gewinnzuschlag zu erwirtschaften.

Der Unternehmer kann nun mithilfe einer Auftragsvor- und -nachkalkulation Angebote unter Berücksichtigung seiner Fixkosten so berechnen, dass am Ende wirklich ein Überschuss bleibt - wenn er den Auftrag denn bekommt. Ebenso kann er schnell sehen, an welcher Stelle die Kosten höher waren als vorausberechnet.

Eigenverantwortung steigert Motivation

Und der Inhaber bekam Hinweise darauf, wie er die Einsatzfreude seiner Beschäftigten verbessern kann. So sollen z.B. die Gesellen mehr Verantwortung übernehmen und selbst entscheiden, wann sie bei welchem Kunden arbeiten. Dafür benötigen sie mehr Informationen vom Chef. Wer aber mehr weiß achtet auch eher erfolgreich auf die Kosten.

Zur Optimierung der Arbeitsabläufe würde es sich anbieten, die Mitarbeiter in feste Teams einzuteilen. Damit der Arbeitnehmer das Ergebnis seiner Arbeit auch sieht und sich damit identifizieren kann, sollten die jeweiligen Teams auf einer Baustelle von Anfang bis Ende arbeiten. Dieses dürfte die Motivation fördern. Und vor Ort sollte ein verantwortlicher Teamleiter als Ansprechpartner agieren. Auch das steigert die Einsatzfreude.

Weitere Vorschläge zur Motivationssteigerung sind das Angebot jährlicher Personalentwicklungsgespräche und die Beteiligung der Mitarbeiter am Unternehmensgewinn (bei gleichzeitiger Reduktion des festen Gehaltes).

Auf keinen Fall, sind sich Professor und der Inhaber einig, dürfen die vorgeschlagenen Maßnahmen zu einer Verschlechterung der Arbeitsqualität führen: „Gute Arbeit und hohe Flexibilität sind unser Alleinstellungsmerkmal“, betont der Unternehmer, der jetzt innerhalb von Sekunden weiß, „wo wir Geld verlieren“.

Gerd Dapprich | 26.08.2011
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