Lehrer aus Leidenschaft, Mentor aus Berufung? Oder umgekehrt? Wichtig für Udo Schniedertöns ist: Er war 40 Jahre lang Lehrer und 35 Jahre Mentor an der FernUniversität im Studienzentrum Lippstadt. Dabei betont er: „Die Arbeit im Studienzentrum hat mir immer sehr viel Freude gemacht, es war so etwas wie eine echte Leidenschaft“ Am 30. September hatte er seinen letzten Arbeitstag im Studienzentrum; diesem bleibt der ehemalige Leiter des Berufskollegs Brilon aber u.a. als Vorstandsmitglied des Fördervereins weiter erhalten.
Wenn überhaupt wird es nur wenige Mentorinnen oder Mentoren geben, die die FernUniversität vom ersten Tag ihres Studienbetriebs ab dem 1. Oktober 1975 genau 35 Jahre lang begleitet haben. Udo Schniedertöns arbeitete jedoch bereits für die FernUniversität vor der Aufnahme des regulären Studienbetriebs: in einem „Vorlaufprogramm“ testete er mit 36 Studierenden die Studienmaterialien für Mathematik im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften.
Udo Schniedertöns
Wie er zu der Hochschule kam, die 1975 nur Bildungsexperten ein Begriff war? „Ich habe Glück gehabt und war zur rechten Zeit am rechten Ort.“ Zwei Mitarbeiter des Gemeinnützigen Berufsbildungswerkes Lippstadt (GBL) hatten zu jener Zeit „Wind davon bekommen“ (Schniedertöns), dass das Zentrale Institut für Fernstudienforschung der FernUniversität in Hagen (ZIFF) zwei Städte suchte, in denen Studienmaterial getestet werden sollte. Für den Fernstudienkurs „Mathematik für Wirtschaftswissenschaften“ hoben die beiden Lippstädter die Finger: „Wir haben Erfahrung mit Fernlehrmaterial“ (gemeint waren Unterlagen eines Fernlehrinstituts, die im Berufsbildungswerk verwendet wurden), „und wir haben erfahrene Dozenten“. Was, so Schniedertöns, „etwas vollmundig war“. Doch damit setzte Lippstadt sich gegen rund 50 andere interessierte Städte durch, und somit konnten hier die ersten Interessierten mit Materialien der FernUniversität lernen.
Ein geeigneter Mentor fand sich im VHS-Kursverzeichnis: Studienrat Udo Schniedertöns bot Mathematikkurse für Fortgeschrittene an. Er hatte zunächst Wirtschaftswissenschaften an der RuhrUniversität Bochum studiert – mit dem Abschluss als Dipl.-Ökonom, einem akademischen Titel, den auch der FernUni-Fachbereich für Wirtschaftswissenschaften vergeben sollte. Anschließend studierte er als Berufsschullehrer auch noch Mathematik für das Lehramt der Sekundarstufe II. Alles passte also bestens zusammen. Nach erfolgreicher Teilnahme erhielten 20 Schülerinnen und Schüler des Berufsbildungswerks mit Fachhochschulreife ohne den Umweg über die ZVS in Dortmund Studienplätze an der FernUniversität, die ja als „Universität – Gesamthochschule“ gegründet wurde.
Nach dem erfolgreichen Abschluss des Vorlaufprogramms bot die FernUniversität ihm einen Mentorenvertrag ab dem 1.Oktober 1975 an. „Diese Chance, weiterhin wissenschaftsnah arbeiten zu können, nahm ich natürlich gerne wahr. Dass ich diese Tätigkeit bis zu meinem Eintritt in den Ruhestand ausüben würde, hätte ich nicht für möglich gehalten“. Da sich zu Beginn das eigene Mathe-Studium und die Mentorentätigkeit zeitlich überschnitten, kam der Mentor Schniedertöns in eine ähnliche Situation wie viele Studierende: „Ich konnte lehren, studieren und Geld verdienen.“
Als Mentor wollte er in den Studierenden vor allem die Freude an der Mathematik wecken. „Und sie sollten sich auf die abendliche Arbeit im Studienzentrum wirklich freuen“. Er sah das Studienzentrum immer auch als Begegnungsstätte und Kommunikationszentrum.
Auch er selbst hatte Vorteile in Studium und Beruf: „Als Mentor habe ich noch einmal das kritisch reflektiert, was ich in Bochum im Mathe-Studium fast zeitgleich lernen musste.“ Gemäß den Vorgaben orientierte er sich natürlich in den Mentoriaten an den Inhalten der Hagener Unterlagen; „Aber ob sie eine Matrix an der RuhrUni oder an der FernUni invertieren müssen, macht keinen Unterschied.“
Wie haben sich die Studierenden verändert? Schniedertöns: „Zu Anfang war ich mit meinen 30 Jahren oft einer der Jüngeren im Raum. Unsere Fernstudentinnen und -studenten waren zu Beginn meist schon lange berufstätig.“ Gestandene Ingenieure merkten nach einigen Berufsjahren, dass sie ihr technisches Wissen wirtschaftswissenschaftlich erweitern mussten, um den beruflichen Anforderungen weiterhin zu entsprechen.“ So kam es durchaus vor, dass einer der Studenten höchst nervös vor einer Klausur war: „Meine Tochter macht heute Abitur, die lacht über mich, wenn ich…“ Also musste natürlich auch der Papa unbedingt bestehen.
Heute fangen die Studierenden früher mit dem Fernstudium an, oft schon während und kurz nach dem Ende einer praktischen Ausbildung. Ihre Zeit ist knapper, sie sind beruflich stärker eingespannt, arbeiten i.d.R. disziplinierter und zielstrebiger.. „Früher war es durchaus üblich, nach dem Mentoriat noch gemeinsam in lockerer Runde „ein Bierchen“ zu trinken. Diese Art der fachübergreifenden Kommunikation kommt heute leider zu kurz“.
Eine positive Erfahrung war für Schniedertöns, dass der Regierungspräsident in Arnsberg ihn bei seiner Mentorentätigkeit stets unterstützte und 35mal seine Nebentätigkeit genehmigte: „Sie sind ein Garant dafür, dass ihre Schule eine Nähe zur Wissenschaft aufbaut und Inhalte der FernUni Eingang in den Unterricht finden“, so ein Mitarbeiter der Schulaufsicht. Die Mehrfachbelastung – Schniedertöns ist bis auch seit 30 Jahren noch ehrenamtlich in der Kommunalpolitik seiner Heimatgemeinde Anröchte aktiv – hat ihm nie geschadet: „Ich habe nicht einen Tag krankheitsbedingt gefehlt. Immerhin arbeitete er gleichzeitig ja auch in verschiedenen Studienzentren, neben Lippstadt in Brilon und kurzzeitig auch in Bregenz. Hinzu kamen noch die Vorbereitungszeiten: „Für Surfen, Golf oder Tennis hatte ich nie Zeit, allerdings auch kein Interesse.“
Das Hobby „FernUni“ ist weitestgehend begründet in dem „tollen Team“ in Lippstadt, das heute von Christel Fenger als Leiterin der Geschäftsstelle geführt wird. Und vor allem: „Ich habe hier einige „hochinteressante“, nicht unwichtige Leute kennengelernt.“ Vom Mitarbeiter der örtlichen Finanzverwaltung bis hin zu einigen Schülerinnen und Schülern aus der eigenen Schule, die er abends im Mentoriat wiedersah: „Das war immer auch ein gegenseitiges Nehmen und Geben.“ In einer Vertretungsstunde brachte er einen Schüler auf die Idee, doch an der FernUniversität zu studieren: „Ohne Sie wäre ich nie auf diesen Gedanken gekommen!“ bedankte sich der heutige leitende Mitarbeiter eines weltbekannten Unternehmens. So ist Schniedertöns in Lippstadt bekannt als „Mister FernUniversität“, erläutert Christel Fenger.
Dreimal wurden in den 35 Jahren die Lehrinhalte der „Mathematik für Wirtschaftswissenschaften“ geändert. Jedes Mal stellte sich Schniedertöns der Herausforderung, sich in immer anspruchsvollere Inhalte einzuarbeiten: „Das war reizvoll und kam auch meiner Arbeit in der Schule zugute.“ Nachdem nun diese Lehrinhalte nochmal neu geordnet werden, ist das ein guter Zeitpunkt für einen Schlusspunkt: „Es waren gute 35 Jahre!“
Dieser Einschnitt wird noch verstärkt durch das altersbedingte Aufhören eines weiteren Mentors, der ebenfalls in Lippstadt Geschichte geschrieben hat: Peter Tolksdorf, Mentor für Rechnungswesen und Kostenrechnung, beendet nach 33 Jahren seine erfolgreiche Tätigkeit im Dienste der FernUni.
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