Weit entfernt und doch dabei: Um an einem Präsenzseminar der FernUniversität teilzunehmen muss man keineswegs „vor Ort“ sein. Besser gesagt: Man muss mit den anderen Studentinnen und Studenten nicht in einem realen Raum sitzen, ein „virtueller“ Raum erfüllt vollständig den Zweck. Konsequenterweise war in der Ankündigung des Online-Seminars „Die Fünfziger Jahre" im Wintersemester 2010/2011 als Veranstaltungs-„Ort“ die Lernplattform Moodle angegeben. Ein Programm – in diesem Fall Adobe Connect – ermöglicht es, am heimischen PC zu sitzen und mit einem einfachen Headset an einer Audio-Konferenz teilzunehmen, um die Anwesenheitspflicht zu erfüllen. Auch, wenn die Studierenden des Bachelorstudiengangs Kulturwissenschaften in Ditzingen und Australien, in Beerwalde und Barcelona, in Berlin, Texas, Hagen oder Kairo sind. So schalteten sich zu den einzelnen Veranstaltungen der vier Online-Seminarreihen bis zu 25 Studierende mit apl. Prof. Dr. Arthur Schlegelmilch und Moderatorin Eva Engelhardt zusammen, die unterstützt von Torsten Müller im Lüdenscheider Institut für Geschichte und Biografie der FernUniversität in Hagen saßen.
Die Online-Seminare – die „Webinare“ – haben verschiedene Schwerpunkte innerhalb des Gesamtthemas, zu denen Studierende für ihre jeweilige Arbeitsgruppe Ergebnisse in ihr Mikrofon sprechen, etwa zu Politik und Wirtschaft oder zu Film, Rundfunk und Literatur der 1950-iger Jahre.
Moderatorin Eva Engelhardt, selbst Studentin, verfolgt den Vortrag eines Kommilitonen.
Kontinuierlich am Thema arbeiten
Die Studierenden haben nicht nur den Vorteil, von zuhause aus präsent sein zu können. Das Online-Seminar läuft über zweieinhalb bis dreieinhalb Monate: „Im Gegensatz zu Wochenendseminaren können sich die Studierenden so kontinuierlich mit dem Thema auseinandersetzen“, erläutert Eva Engelhardt, „die Mitarbeit ist eindeutig intensiver, es bleibt ja auch mehr Zeit für Vorbereitungen und Recherchen“. Arbeitsgruppen finden sich online leichter zusammen und arbeiten eng zusammen, hat Eva Engelhardt, selbst ja auch Studentin, festgestellt. Das verbessert die inhaltliche Qualität. Sogar die Zahl der mündlichen Prüfungen steigt. Und: „Man bekommt fast immer sehr hilfreiche Antworten von den anderen Studierenden – mehr, als wenn man alleine arbeitet!“ Ihr Kommilitone Torsten Müller ergänzt: „Man setzt sich viel intensiver mit dem Thema auseinander.“ Er unterstützt sie bei der Moderation – einfach, weil es ihm Spaß macht hat er neben seinem Fulltimejob fünf lange Abende „investiert“. Außerdem haben in jedem Semester noch 10 Studierende des BA Kulturwissenschaften die Möglichkeit, im Institut oder zuhause ein vierwöchiges Praktikum zu absolvieren. In der Regel bekommen sie Archiv-Material zur Bearbeitung zugeschickt, das sie z.B. verschlagworten müssen. Eva Engelhardt: „Damit weisen wir den Praxisbezug des Studiums nach, den die meist berufstätigen Studierenden fordern.“
Hoher Aufwand im Vorfeld
Damit alles funktioniert ist ein hoher technischer und zeitlicher Aufwand notwendig, um z.B. die Moodle-Plattform aufzubauen, sich mit der Technik vertraut zu machen, die Materialien einzuscannen und in Moodle zu platzieren. Dabei betrat das Institut Neuland, mussten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ganz andere Denkschemata entwickeln. „Aber nun können wir z.B. auch Dokumente gemeinsam bearbeiten – wie im Berufsleben, wenn ein Kollege in Bochum und einer in München sitzt“, erläutert Torsten Müller.
Für die Studierenden dagegen ist der Aufwand ungleich geringer: Um den PC dem Zweck entsprechend zu konfigurieren erhielten alle vor dem Beginn der Webinarreihe Unterlagen. Nun muss vor jeder Veranstaltung lediglich die Technik getestet werden, auch die eine oder andere Feinjustierung ist noch notwendig. Außerdem gibt es Tipps.
Zu Beginn des Seminars geht Eva Engelhardt in den Webinarraum. „Gehen“ ist nicht ganz richtig, sie bleibt sitzen. Der Reihe nach melden sich alle Teilnehmenden kurz bei den Moderatoren. An diesem Abend wird es drei Vorträge mit Diskussionen geben, von 21 bis 22 Uhr ist der Chat geöffnet.
Höchst konzentriert: Torsten Müller, der die Moderatorin bei ihrer Arbeit unterstützt.
Kommentieren, ohne zu stören
Von seinem Büro aus schaltet sich auch Prof. Arthur Schlegelmilch zu, begrüßt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer und erläutert Organisatorisches. Während des Seminars wird er immer wieder zu inhaltlichen Aspekten Stellung nehmen. Auch die anderen Studierenden können etwas beitragen. Dafür müssen sie einen Button „Zu Wort melden“ anklicken. Die Moderatorin und der Moderator erkennt das im „Pod“ auf dem Monitor und kann den Ton für die Studentin oder den Studenten freigeben. Zu sehen ist auch, ob jemand dem Vortrag oder einem Kommentar zustimmt, ob jemand kurz weggeht oder das Seminar ganz verlässt. Auch für applaudiert und gelacht wird „per Knopf“. Der Studierendenchat wird für Seminar-bezogene Mitteilungen und für Kommentare genutzt, aber auch für private Informationen. Eine Diskussion, die niemanden stört. Im Gegenteil: Das „dicke Lob“ des Publikums am Ende des Vortrags bekommen die Referierenden sofort mitgeteilt. Allerdings auch den einen oder anderen kritischen Kommentar. Mit der Zeit nehmen die Kommentare ab – jedenfalls die privaten Meinungsäußerungen und der „Small talk“.
Was sich die Moderatoren auf diesem Wege zu sagen haben sehen die Studierenden aber nicht. Bei Wortmeldungen zur Diskussion sprechen die Moderatoren sich in ihrem Moderatoren-Chat ab, Rückmeldungen an Wortmelder geben sie per Studi-Chat. Um zuzuhören und gleichzeitig im Chat zu lesen muss man jedenfalls ganz schön multifunktional sein.
Obwohl die Übertragungsqualität nicht „Hifi“-gemäß ist, merkt man den Vortragenden ihre anfängliche Aufregung auch im Internet an – sie legt sich schnell.
Inhalte erarbeiten und neue Techniken erlernen
Das Webinar findet nicht auf der an der FernUniversität weit verbreiteten Lernplattform Moodle statt, doch führt von dort aus ein Link zu dem Seminarraum. In Moodle bekommen die Studierenden ihre Literatur bereitgestellt – mehrere Texte, die für Blinde und Sehbehinderte großenteils auch als MP3-Dateien zur Verfügung stehen. Außerdem gibt es eine Linksammlung für Internetrecherchen und ein Wiki, das großenteils im Seminar erstellt wird.
Dafür mussten alle Teilnehmenden einen Beitrag zum eigenen Themenschwerpunkt erstellen, z.B. zur „Entnazifizierung“. Eva Engelhardt: „Das kann man an einem Wochenende gar nicht schaffen.“ Alle Beiträge werden dann vom Berliner Studierenden und Online-Praktikanten Steffen Heikamp miteinander verlinkt, der für die Wiki-Redaktion zuständig ist.
Das Lüdenscheider Institut hat für Arbeitsgruppen umfangreiche Materialen eingestellt: 75.000 „Besinnungsaufsätze“ von Schülerinnen und Schülern lagern in seinem „Roeßler-Archiv“, davon wurden 150 aus verschiedenen Themenbereichen für das Webinar ausgewählt – für die Arbeitsgruppen ein wertvoller Quellenschatz. Ihre Teilergebnisse diskutieren die Mitglieder einer Arbeitsgruppe asynchron in Moodle, also dann, wenn sie Zeit dafür haben. Dort bereiten sie auch ihren Auftritt vor. Wenn es schnell gehen muss kommunizieren sie aber auch im Chatraum zur gleichen Zeit miteinander.
Gechattet wird auch während eines Referats. Die Fragen der anderen werden anschließend aufgegriffen. Das Moderationsteam lenkt die Fragen, lädt die Dokumente der Vortragenden vor der Veranstaltung hoch und blättert im richtigen Moment nach einem kurzen Hinweis aus der Ferne um: „Inzwischen beherrschen alle PowerPoint – man erlernt also auch Präsentations- und andere Techniken“, betont Eva Engelhardt.
FernUniversität in Hagen, 58084 Hagen, Telefon: +49 2331 987-01, E-Mail: fernuni@fernuni-hagen.de