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In Zukunft 200 000 Fernstudenten

SPIEGEL-Interview mit NRW-Wissenschaftsminister Rau über das Heimstudium, 1974
SPIEGEL: Herr Minister, sollen den westdeutschen Studenten künftig Vorlesungen per Post ins Haus geschickt werden?
RAU: Warum nicht? Wir müssen in der Bundesrepublik ein Kapitel der Hochschulgeschichte nachholen, das in anderen Ländern – in den Vereinigten Staaten, in Frankreich, England, aber auch in der Sowjet-Union und der DDR – längst geschrieben ist. Dort ist das Fernstudium ein unbestrittener Weg zu akademischen Würden. Darum werden wir in Nordrhein-Westfalen die erste Fernuniversität in der Bundesrepublik gründen.
SPIEGEL: Könnte diese Hochschule ein Zufluchtsort für jene werden, die an der Noten-Norm des Numerus clausus scheitern?
RAU: Ob normale Universität oder Studium per Post – für die Zulassung wird der gleiche Zensuren-Durchschnitt vorausgesetzt. Nur so können wir verhindern, daß die Fernuniversität eine Reste-Universität wird.
SPIEGEL: Wer wird schon freiwillig zu Hause im Wohnzimmer studieren?
RAU: Das sind zum Beispiel Leute, die weiter halbtags arbeiten wollen, Behinderte, verheiratete Frauen mit Abitur – und einigen werden auch die Mieten in den Universitätsstädten zu hoch sein. Sicher wird auch der Numerus clausus viele Anfänger ins Fernstudium zwingen.
SPIEGEL: Von 1975 an wollen Sie Kurse in Mathematik und Wirt-schaftswissenschaften anbieten. Was kommt danach?
RAU: Biologie, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Medizin aus der Ferne, das wird nicht gehen, aber über Jura läßt sich reden.
SPIEGEL: Die Studenten müssen sich umstellen. An der Fernuniversität soll durchschnittlich alle vier Wochen eine Leistungskontrolle sein,
RAU: Dieser Leistungsdruck wird erheblich sein. Anders geht es nicht. Dies hat Akzente von Leistungsdruck, aber auch von
Selbstkontrolle, an der viele Studenten offenbar selbst interessiert sind. Ich halte das durchaus für einen Vorteil.
SPIEGEL: Wir wüßten noch einen: Die Studiker haben kaum Gelegenheit, sich in radikalen Gruppen zu organisieren. Auch ein Motiv für die Reform?
RAU: Nein, gar nicht.
SPIEGEL: Immerhin, Vorlesungen stören können die Fernstudenten nicht...
RAU: ... aber in den Sommerkursen, die das Heimstudium ergänzen, können auch mal Eier fliegen.
SPIEGEL: Wie sieht die studentische Mitbestimmung aus? Sollen die Heimarbeiter per Post oder per Telephon über die Berufung von Professoren und über Lehrprogramme votieren?
RAU: Nicht nur per Post, nicht nur per Telephon,
SPIEGEL: Wie sonst?
RAU: Es wird so viele Begegnungsmöglichkeiten geben, in Wochenend-Seminaren, in Tutorien und in Ferienkursen. Ich habe keinen Zweifel, daß das alles funktioniert.
SPIEGEL: Läßt sich bei Einheitslehrbriefen wissenschaftlicher Pluralismus garantieren?
RAU: Wir werden linke, liberale und konservative Professoren
berufen. Und es wird durchaus nicht nur den leicht verdaulichen Unterrichtsbrief geben, sondern auch Präsenzbibliotheken und Literaturhinweise.
SPIEGEL: Wie soll der Student daheim durch das Labyrinth der Lehrmeinungen finden?
RAU: Auch an den herkömmlichen Hochschulen bleibt dem akademischen Nachwuchs oft nichts anderes übrig als mitzuschreiben, was der Professor sagt, oder im Labor so vor sich hinzufummeln.
SPIEGEL: Mag sein, aber was bringt eine Fernuniversität, die nur schlechte Studienbedingungen konserviert?
RAU: Natürlich kommen wir dem Ideal des Lernens und Lehrens in Muße und Abgeschiedenheit nicht näher. Aber alle Schwierigkeiten addiert, ist unsere Lösung immer noch besser als ein Heer abgewiesener Studienbewerber, Wir stehen doch vor der Frage, ob wir die Hochschulen vollends dichtmachen oder ob wir wenigstens einen Nebeneingang öffnen,
SPIEGEL: Werden Sie genug Professoren finden, die lieber Briefe diktieren als vom Katheder zu dozieren?
RAU: Jeden Tag bewirbt sich irgendeiner.
SPIEGEL: Dürfen nur Landeskinder an Ihrer Universität studieren?
RAU: Wir haben nicht die Absicht, die Einwohner-Meldeämter zu Zulassungsstellen zu machen. Deshalb sind wir auch sofort an die anderen Bundesländer herangetreten. Und demnächst treffen sich Vertreter sozialdemokratischer wie christdemokratischer Kultusministerien zu einem ersten Arbeitsgespräch.
SPIEGEL: Elf Länder – elf Fernuniversitäten?
RAU: Mir wäre es lieb, wenn wir zuerst mal bei einer blieben. Aber ich möchte dem Ehrgeiz von Kollegen natürlich nicht im Wege stehen.
SPIEGEL: Wieviel Fernstudenten wird es nach Ihrer Einschätzung im Jahr 2000 geben?
RAU: Bei einer Million Studenten dürften es wohl 200 000 sein, die meisten davon Akademiker, die sich weiterbilden,
SPIEGEL: Und wenn die Post mal streikt?
RAU: Darüber habe ich mir nun wirklich noch keine Gedanken gemacht.
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